Manipulative Charaktere – fünf, Der Charismatiker

Der Charismatiker ist die Mutter aller manipulativen Persönlichkeiten. Eine Person hat Charisma, wenn sie durch ihre Ausstrahlung viele Menschen für sich gewinnt. Dies gelingt ihr und darin liegt das Manipulative, indem sie das Gefühl weckt ihr gehorchen zu müssen. Es gehört wohl zu unserem biologischen Erbe, dass zu der Bandbreite möglicher Empfindungen auch ein solches Gefühl gehört. Aus einer evolutionären Perspektive macht es durchaus Sinn, dass es einen Mechanismus gibt, der dafür sorgt, dass  wir in der Kindheit unseren Eltern gehorchen oder dass eine Gruppe von Menschen schnell handeln kann, weil klar ist wer das Sagen hat. Wahrscheinlich werden die meisten Leser diesen Impuls zu Gehorchen kennen.

Wenn es einen Impuls zu Gehorchen gibt, muss es auch etwas geben, das ihn auslöst. Dieses etwas ist die Persönlichkeit des Charismatikers oder besser die Art wie der Charismatiker auf andere wirkt. Meines Erachtens sind es folgende drei Eigenschaften die wenn sie zusammen auftreten den Impuls zu Gehorchen auslösen: Ein Charismatiker muss wohlwollend erscheinen, als kompetent wirken und autoritär sein. Als autoritär bezeichne ich jemanden, dessen Missfallen andere vermeiden wollen. Das erreicht der Charismatiker indem er jedes Mal, wenn jemand gegen seine Wünsche handelt, eine sofortige und starke Reaktion zeigt. In diesem Sinne sind Zicken autoritär. Anders als bei einer Zicke wird das autoritäre Verhalten des Charismatikers als positiv wahrgenommen, weil es von Wohlwollen und Kompetenz flankiert wird.

Es gibt eine Charakter in „Pulp Fiction“ der recht gut veranschaulicht, was ich mir unter einen Charismatiker vorstelle, Winson Wolf, der Cleaner der den Auftragsmördern Jules und Vincent dabei hilft, eine ungeplante Leiche (Marvin) zu beseitigen. Winson Wolf gelinkt es schnell eine klare Rolleneinteilung zu etablieren, er bestimmt und die anderen gehorchen.  Während Jules und sein Freund, dem das Haus gehört in dem die Scene spielt, sich Wolf freiwillig unterordnen, leistet Vincent zunächst Widerstand. Er besteht darauf, dass Wolf zu ihm bitte sagt und ist andernfalls nicht bereit ihm Folge zu leisten. Wolf kann nicht sofort Vincents Forderung nachkommen, da das seine Autorität untergraben würde. Er macht also erst viele Worte um darzustellen warum Vincents Bestehen auf ein „Bitte“ deplatziert ist, um ihm dann in leicht übertriebener Form nachzukommen. Diese nicht-aggressive Weise ist typisch dafür wie Charismatiker mit solchen Situationen umgehen.

Das Wesen eine Charismatikers bringt es mit sich einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Tatsächlich kann jedoch die Kombination von Charaktereigenschaften, die einem Charisma verleiht, eine gefährliche Mischung sein. Kompetent erscheinen heißt zunächst, keine Selbstzweifel zu haben; autoritär zu sein, keinen Willen neben sich zu dulden. Wer schon einmal mit einem Charismatiker zusammen arbeiten musste weiß, dass das ein zweifelhaftes Vergnügen ist. Einerseits kann ein Charismatiker tatsächlich viel bewegen, sie bringen viel Energie und Initiative mit, andererseits ist es extrem schwer solche Menschen dazu zu veranlassen Kurskorrekturen vorzunehmen.

Wenn sich ein Charismatiker und die ihm hörigen Personen von der Außenwelt isolieren kann das eine extrem gefährliche Dynamik auslösen. Dem Charismatiker fehlt die Korrektur durch einen Widerspruch und beginnt seinen Willen mit der Realität zu verwechseln. Schließlich versucht er sich zur ultimativen Autorität aufzuschwingen, dem Herr über Leben und Tod. Die Omu-Sekte trug das Bedürfnis Tode zu veranlassen nach außen, bei den Sonnentempler waren die eigenen Sektenmitglieder die Opfer.

Für die konservative Weltanschauung haben Charismatiker eine besondere Bedeutung. Zu der konservativen Überzeugung gehört der Glaube, dass gewöhnliche Menschen Ordnungen brauchen, um ihr Leben zu bewältigen, die sie selbst nicht schaffen können. Quellen für die Ordnungen sind zum einen die Tradition oder in manchen Spielarten des Konservativismus Führungspersönlichkeiten, die natürliche Elite und seltener die Stifter der Ordnungen. Es sei daran erinnert das der ideale Patriarch die Eigenschaften des Charismatikers verkörpert: Wohlwollen, Autorität und Kompetenz. Geht man über die konservative Anschauung hinaus trifft man auf den Standpunkt, dass die Unterordnung unter eine wohlwollende, autoritäre und kompetente Macht ein Ordnungsprinzip ist, das die gesamte Gesellschaft durchdringen soll. Am deutlichsten wird das wahrscheinlich bei der konservativen Revolution in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Gegen diese Vorstellung stehen einige Einwende: Erstens kann man erst dann beurteilen, ob eine Macht wirklich wohlwollend und kompetent ist, wenn man ihrer Führung nicht mehr bedarf. Auch die Mitglider der Omu-Sekte und der Sonnentempler wahren der Meinung, dass ihre Anführer wohlwollend und kompetent waren. Ein Charismatiker kann einem weder das eigene Denken noch eine eigene Entwicklung abnehmen. Dazu kommt das die Eigenschaften des Charismatikers entgegen dem Anschein nicht mit geistiger und moralischer Reife korrelieren müssen. Zweitens und bedeutender ist, dass das Führerprinzip auch in einer kleinen Gruppe eine Anmaßung von Wissen bedeutet. Was eine Führungspersönlichkeit als gut erkannt hat, muss für die Situation eines Hörigen nicht angemessen sein.

Wenn der Impuls zu Gehorchen in uns verankert ist, ist man dann einem Charismatiker nicht hilflos ausgeliefert? Zum Glück nicht, denn alle Instinkte des Menschen sind in einem Ausmaß verkümmert, das es erlaubt sich über solche Impulse hinweg zu setzten und sie mit geringem Aufwand zu verdrängen. Auch das ist aus evolutionärer Sicht plausibel, Männer mit den Eigenschaften eines Charismatikers sind für Frauen sexy (auf ihre besondere Weise auch Frauen für Männer). Daher ist es sinnvoll, dass man dem Impuls zu Gehorchen widerstehen kann, um selbst diese Eigenschaften auszubilden. Man kann wegen der Tatsache, dass Parteien mit Charismatikern an der Spitzte überproportional häufig von Frauen gewählt werden, spekulieren, dass solche Impulse bei Männern stärker verkümmert sind als bei Frauen. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass Männer als rationaler als Frauen gelten.

Noch ein Zweites hilft das die Gesellschaft nicht in von vereinzelten Charismatikern geführte Gruppen zerfällt, gute Umgangsformen. Höflichkeit und die mit ihr verbundenen Tugenden wie Bescheidenheit und das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse verhindert, dass sich die Eigenschaften des Charismatikers entfalten können und das mit bewundernswerter Präzision. Durch Höflichkeit wird vermieden, dass ein Charismatiker sein Missfallen gegenüber abweichendem Verhalten zum Ausdruckbringen kann. Ein Charismatiker kann demgemäß niemals höflich sein. Daher ist es im „Pulp Fiction“-Beispiel sehr treffend, dass sich Vincents Widerstand an der Bitte nach Höflichkeit festmacht. Damit der Mangel an Höflichkeit nicht zu negativen Reaktionen führt, ist es üblich das Charismatiker mit ihrem besonderen Stil oder durch das Erwecken von Sympathie den Mangel überspielen.

In einer Gesellschaft in der der Impuls zur Unterordnung nicht durch gute Umgangsformen gemildert wäre, wurde es unweigerlich zu Spannungen zwischen verschiedenen Charismatikern und ihren Anhängern kommen. Sollten die hier dargestellten Spekulationen zutreffen, dann ist Höflichkeit eine Spontane Ordnung um mit diesem Problem, das in unserem biologischem Erbe verankert ist, fertig zu werden. Die Höflichkeit ermöglicht dem Einzelnen ein größeres Maß an Unabhängigkeit,  ich halte sie daher für eine zutiefst liberale Tugend.

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6 Antworten to “Manipulative Charaktere – fünf, Der Charismatiker”

  1. Julia Sobainsky Says:

    Ein interessanter Artikel, dem ich jedoch nur bedingt zustimmen kann. Max Weber benutze den Begriff Charisma das erste mal für jemanden, der „mit Visionen Andere inspirieren kann und die Sozialstruktur verändern kann“. Richad Wiseman meint über charismatische Persönlichkeiten dass sie: „Emotionen sehr stark empfinden, fähig sind, auch andere Menschen starke Gefühle erleben zu lassen und resistent gegenüber Einflüssen anderer charismatischer Menschen sind.“ Das mag auch nur z.T. der Wahrheit entsprechen. Dennoch müssen Charismatiker nicht zwagsläufig autoritär sein. In der modernen Form der charismatischen Führung, der transformationalen Führung, wird die charismatische Führungspersönlichkeit als jemand beschrieben, der Mitarbeiter außerordentlich fördert und fordert. Charismatisch-transformationale Führung ist nicht zwangsläufig autoritäre Führung. Sie kann mit jeder Führungsform kombiniert werden.
    Den Vorwurf der Manipulation möchte ich auch nicht so stehen lassen: Was bedeutet Manipulation? Im wortwörtlichen Sinne „handhaben“ (manus = die Hand). Wir alle handhaben und beeiflussen. Immer. Mit jedem Wort, das wir sagen. Mit jeder Meinungsäußerung. Babys schreien, um bei ihren Eltern etwas zu erreichen (klappt fast immer!). Menschen sind nur unterschiedlich gut darin, ihren Willen oder ihre Meinung durchzusetzen. Bei denen, die besser sind, wird dann gerne Manipulation (im deutschen negativ belegt) unterstellt.
    Meine Erfahrung ist übrigens, dass Charismatiker häufig ausgesprochen gute Manieren haben. Das widerspricht sich also auch nicht.
    Dennoch sehr viele interessante Gedanken diesem Artikel – danke dafür!

  2. Dirk F. Says:

    Ich habe das Thema am Rande aufgegriffen.
    http://erzliberal.blogspot.com/2009/11/der-fundamentalismus-der-beleidigung.html

  3. Michel Says:

    @Julia Sobainsky: Offenbar verwenden Sie den Begriff Charismatiker um einiges breiter, als ich es tue. Es ist also nicht ganz eindeutig wo unser Positionen im Widerspruch stehen.
    Unter Manipulation verstehe ich wenn jemand versucht einen anderen zu bestimmten Handlungen zu bewegen ohne dass sich der andere bewusst dafür entscheiden muss. Ich halte das nicht für verwerflich. Eigentlich ist es eher die Ausnahme, dass wir uns bewusst für unsere Handlungen entscheiden. Dennoch halte ich es für wichtig darüber Bescheid zu wissen, was unserer Handlungen auf unbewusster Ebene beeinflusst.
    Den Punkt mit der Höflichkeit muss ich wohl noch überdenken. Damit kann nicht gemeint sein, dass Charismatiker sich nicht an Höflichkeitsregeln halten würden. Das Gegenteil ist der Fall Charismatiker haben eine sehr bewusste Wahrnehmung dieser Regeln. Es geht mir mehr um eine bestimmte Form des Respekts, der mit einer Charismatischen Persönlichkeit unvereinbar ist. Als Charismatiker setzt man sich über das Urteilsvermögen anderer hinweg. In einer Gruppe, die von einem Charismatiker eingenommen wurde, können Kompetenzen, die der Charismatiker nicht erkennt, kaum mehr eingebracht werden. Es ist also die Zurückhaltung die einem Charismatiker fehlt, nicht die Höflichkeit als Ganzes.

  4. Julia Sobainsky Says:

    Charisma ist ja kein absoluster Begriff, keine absolute Eigenschaft. Sie ist steigerbar. Es gibt Menschen mit mehr oder weniger Charisma. Ich selber verwende es als Mittel zum Zweck. Dennoch ist genau das, was Sie oben beschreiben, nämlich die Bewusstmachung dessen, dass wir beeinflussbar sind, eine sehr wichtige Erkenntnis, die auch vermittelt werden muss. Wir werden ja dauernd beeinflusst, am meisten durch die Medien. Dennoch natürlich auch im Alltag durch andere Menschen. Ich habe da mal vor einem Jahr einen Blogartikel zu geschrieben: http://www.pro-charisma.com/procharismablog/index.php?rs_id=view&s=18#18
    Charismatiker können auch Weitsicht haben. Auch Charismatiker sind in der Lage zu verifizieren, wo es notwendig ist, zurückzustecken. Gerade die sehr bewusste Wahrnehung, die Charismatiker häufig haben, macht es ihnen ja möglich zu erkennen, wo das Charisma schädliche Einflüsse hat. Und wo es begrenzend wirkt. http://www.pro-charisma.com/procharismablog/index.php?rs_id=view&s=24#24
    Siehe dazu auch Prof. Kruse.
    @Dirk F.: Für mich ist Wertschätzung eine der wichtigsten Grundlagen menschlichen Miteinanders. Und sie widerspricht nicht dem Charisma-Gedanken.

  5. Michel Says:

    @Julia Sobainsky: Ich habe die Beiträge gelesen komme heute aber nicht mehr dazu zu antworten.

  6. Michel Says:

    @Julia Sobainsky: Ich glaube nicht mehr, dass wir einen Konsens finden können. Viele Charismatiker polarisieren, warum nicht auch das Charisma selbst? Sie scheinen Charisma vor allem als eine Art Sozialkompetenz zu betrachten, was sicher nicht falsch ist. Für mich ist jedoch das wesentliche, dass es mit einer zentralisierten Gruppenstruktur einhergeht. Wer sich damit wohlfühlt gerne, bei mir und wahrscheinlich vielen anderen weckten solche Strukturen starke Zweifel.

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