Hunger in den USA

Zur antikapitalistischen Agitation gehört es, die Marktwirtschaft für das Übel in der Welt verantwortlich zu machen. Beliebt ist unter anderem der Vorwürfe Kapitalismus verursache den weltweiten Hunger. Für diesen Vorwurf lässt sich festhalten, dass historisch sogar das Gegenteil zutrifft. Erst durch den Kapitalismus konnte eine Gesellschaft entstehen, die sich aus der malthusianischen Falle befreiten. Ironischer Weise wird dadurch das Argument der Antikapitalisten eher gestärkt, ihrer Meinung nach spricht es gegen eine Ordnung, wenn sie ein Übel bestehen lässt, das sich oberflächlich betrachtet leicht beheben lässt. Dass es immer noch Hungernde gibt, obwohl eigentlich ausreichend Nahrung bereitsteht, kann ihnen zufolge nur an dem Privateigentum liegen, durch das Nahrung anderen vorenthalten wird.

Um die antikapitalistische Agitation zu widerlegen muss man also zeigen, dass trotz Privateigentum niemanden Nahrung vorenthalten wird. Das scheint sich zumindest für Staaten behauten zu lassen, in denen sich die Kleptokratie in Grenzen hält; Amartya Sen hat die berühmte These aufgestellt, dass es in funktionierenden Demokratien nicht zu Hungersnöten kommt. Hungersnöte scheinen in der entwickelten Welt tatsächlich der Vergangenheit anzugehören. Wo es noch Hungersnöte gibt, ist die staatliche Willkür so groß, dass man nicht ansatzweise von Kapitalismus sprechen kann. Doch nun beharren die Agitatoren darauf, dass in „kapitalistischen“ Gesellschaften großes Elend herrscht und präsentieren uns eine Statistik, der zufolge in den USA 50 Millionen Menschen hungern. Liegt also Sen falsch und kommt auch in „modernen“ Staaten zu Hungersnöten?

Die Statistik, die gern zu Agitationszwecken herangezogen wird, stammt vom Amerikanischen Landwirtschaftsministerium USDA und wird regelmäßig herausgegeben. Der Bericht zum Jahr 2004 liegt mir vor, er dürfte repräsentativ für alle dieser Berichte sein, daher will ich auf ihn nun näher eingehen. Die Zahlen können sich im Lauf der Zeit verändert haben, ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass die Situation eine neue Qualität gewonnen hat.

Was der Bericht erfasst wird nicht Hunger genannt, sondern Nahrungsmittelsicherheit (food security) und nicht das, womit wir gewohnt sind das Wort Hunger zu verbinden, Unterernährung. Nahrungsmittelsicherheit wird durch einen Katalog von Fragen definiert (siehe S. 3 des Berichts). Als von Nahrungsmittelunsicherheit betroffen gilt, wer mindestens drei Fragen aus dem Katalog bejaht. Wenn man sich die einzelnen Fragen durchliest wird man feststellen, dass die meisten dieser Frage darauf abzielen, ob das Einkommen eines Haushalts ausreicht, um ausreichend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Nahrungsmittelunsicherheit muss also nicht mit Hungergefühl oder Unterernährung verbunden sein.

Immerhin wurde auch nach dem Hungergefühl gefragt. Die Befragung hat ergeben, dass ein Drittel der nahrungsmittelunsicheren Menschen einige Tage im Jahr Hunger erlitten, weil sie sich keine Lebensmittel leisten konnten (S.5). An einem typischen Tag im November gibt es in 0,5 bis 0,8% aller Haushalte eine oder mehrere Personen, die hungrig sind, weil sich der Haushalt nicht genügend Nahrung leisten konnte. (Kinder sind seltener davon betroffen; in 0,1 bis 0,13 aller Haushalte mit Kindern gab es hungrige Kinder.) Ein lebensmittelunsicherer Haushalt, der während eines Jahres Hunger erlitt, befand sich im Durchschnitt neun Monate  und ein bis sieben Tage in jedem dieser Monate in dieser Lage (S.5).

Was die These, das kapitalistische Wirtschaftssystem sei schuld an den genannten Umständen, endgültig ad absurdum führt, ist die Existenz privater und öffentlicher Hilfsprogramme. Gut die Hälfte der Lebensmittelunsicheren Haushalte wurde von einem der drei größten dieser Programme, dem National School Lunch Program, dem Food Stamp Program oder dem WIC Program unterstützt (S.31). Tafeln (food pantry) spielten nur eine geringe Rolle; nur 20% der lebensmittelunsicheren und 29% der lebensmittelunsicheren Haushalte mit Hunger nahmen Angebote von Tafeln in Anspruch. Zum Teil lag das, daran dass keine Tafeln verfügbar waren oder nicht bekannt war, ob welcher verfügbar waren, aber auch von den Haushalten, die wussten, dass sie Tafeln nutzen konnten, nahmen sie nur 31% in Anspruch (S. 32).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass in entwickelten Ländern die Hungerproblematik kein ökonomisches Problem ist. Denen, die sich nicht ausreichend Nahrung leisten können, wird sie in der Regel kostenlos angeboten. Wenn es eine Hungerproblematik gibt, dann deswegen weil diese Angebote nicht angenommen werden oder angenommen werden können. Also mit Problemen zusammenhängt, die tiefer gehen als die reine Verfügbarkeit von Nahrung und die auch dann weiter bestehen, wenn man das ökonomische System ändert. Antikapitalistische Agitprop verfehlt die gesamte Thematik.

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3 Antworten to “Hunger in den USA”

  1. Luka Says:

    Also Robert – auch wenn ich kein Verfechter der These „kapitalismus führt zu hunger“ bin – muss ich doch sagen, dass du hier extrem nationen-fokussiert argumentierst. Was Antikapitalist/inn/en mit „Gesellschaft“ meinen, setzt du mit Nationalstaat gleich.
    Von deren Seite kommt aber eher ein „die gesamte Welt ist kapitalistisch“ (ausnahmen bestätigen natürlich die Regel), also die gesamte Aufteilung der Güter in der Welt. Und der Kapitalismus, der Egoismus (der sich quasi in der „interessengeleiteten“ Politik der reichen Nationen aufzeigt) führt eben dazu, dass es den reichen Ländern nicht so wichtig ist, wie die Bedingungen in den unter entwickelten Ländern ist.

    Ob jetzt das Verhalten der Nationen ein politisches oder ökonomisches ist… hängt wohl davon ab, ob man „Interessenpolitik“ (warum es kein Interesse an wirtschaftsfähigen Ländern geben sollte… aber naja^^) als kapitalistisches/ökonomisches Phänomen bezeichnet. Weil ja Kapitalismus = Konkurrenzdruck = einige müssen es schlecht haben (auch dies nicht meine eigene position)

  2. Robert Michel Says:

    @Luka: „Von deren Seite kommt aber eher ein „die gesamte Welt ist kapitalistisch“ (ausnahmen bestätigen natürlich die Regel), also die gesamte Aufteilung der Güter in der Welt.“

    Danke das ist ein wichtiger Hinweis. Diese Art zu Argumentieren hängt natürlich damit zusammen, dass Linke sich Wirtschaftsbeziehungen als Machtverhältnisse vorstellen und versuchen ökonomische Entwicklungen durch politische Analysen zu begreifen (Depression in Simbabwe als Konsequenz von US-Embargos und nicht der Hyperinflation usw.). Der „nationen-fokussierte“ Ansatz ist deshalb sinnvoll, weil die nationalen Institutionen einen kritischen Einfluss auf die Entwicklung haben. Man kann das an dem Erfolg von Ländern erkennen, die günstige Institutionen haben wie Südkorea oder Taiwan.

  3. Robert Michel Says:

    Ps: Wegen der Diskussion von neulich. Mir wurde dieser Link zugespielt:
    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-44/artikel-2009-44-freuden-der-unterwerfung.html
    Das belegt meine Thesen zur Sexualität denn doch besser, als PU-Lektüre.

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