Macht der Kapitalismus krank?

Auf faz.net ist vor einiger ein äußerst interessantes Interview mit dem Titel „Macht der Kapitalismus uns krank“ erschienen. In dem Interview vertritt der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa die These, dass „Der Kapitalismus […] Verhältnisse [befördert], unter denen Burnout oder Depressionen zunehmen“. Während der Soziologe, Psychologe und Psychotherapeut Martin Dornes diese These bestreitet.

Rosa führt als Belege für seine These den Anstieg schwerer psychischer Krankheiten an und erklärt diesen damit, dass sich im heutigen Kapitalismus im Gegensatz zu dem früherer Tage die Zukunftshorizonte eingetrübt haben. „In den heutigen Industriegesellschaften sagt die Mehrzahl der Eltern nicht, wir müssen hart arbeiten, damit es den Kindern bessergeht. […] Sie sagen: Wir müssen hart arbeiten, damit es ihnen nicht schlechtergeht.“ Der Umstand, dass die eigenen Anstrengungen keine Verbesserungen zur Folge haben, führe zu einer zynischen Haltung und Burnout.

Der Mechanismus den Rosa anführt, dass die Entkopplung zwischen eigenem Bemühen und Erfolg die Menschen krank macht, ist in der Psychologie anerkannt und wird als das Konzept erlernte Hilflosigkeit zur Erklärung von Depressionen verwendet. So gesehen wäre Stress die Folge dessen, dass in den letzten Jahren die Reallöhne stagniert sind.

Man würde Rosa jedoch unrecht tun wenn man seine Argumentation auf diesen Punkt einengt. Sein eigentliches Thema ist die Zeit. Für ihn stellt ein mehr an Freizeit ein Verlust derselben dar, da überproportional zu dem Maß, in dem die Freizeit wächst, die Pflichten anwachsen, die in dieser abzuleisten sind. Für Rosa steht der Einzelne immer unter dem Druck der Konkurrenz, der dazu führt, dass die Ansprüche immer höher geschraubt werden. Dieser Umstand ist nach Rosa untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden. Als Ausweg sieht er einzig die Umgestaltung der Gesellschaft.

Wie sich Rosa eine bessere Alternative vorstellt bleibt wie gewohnt im Dunkeln. In dem Interview erfahren wie nicht mehr als, dass er den Kapitalismus überwinden will. Es bleibt den Leser überlassen zu überlegen wie eine Gesellschaft aussehen müsste. Wenn man bedenkt, dass es in einer solchen Gesellschaft die Möglichkeit eingeschränkt wäre, Ansprüche an seine Handelspartner und Mitmenschen zu stellen, wäre sie wohl in vielerlei Hinsicht weniger frei.

Interessanterweise diskutiert Rosa nicht, inwiefern die voranschreitende Optimierung von Arbeitsabläufen zu weniger Totzeiten und damit zu einer Verdichtung der Arbeit führt und wie sich das auf die mentale Belastung der Beschäftigten auswirkt. Möglicherweise führt das ihn zu weit von seinem eigentlichen Forschungsinteresse, wie sich das Individuum organisiert, weg.

Dornes bestreitet bereits, dass die Zunahme der Burnout-Diagnosen auf einen tatsächlichen Anstieg dieser Erkrankungen zurückzuführen sei. Vielmehr würden Depression und Burnout heute besser erkannt und bereits bestehende Erkrankungen eher in das diagnostische Hellfeld überführt. Einen Anstieg an Diagnosen habe es im „semisozialistischen“ Schweden genauso gegeben. Seinen Beobachtungen zufolge ist es auch nicht so, dass wir den Belastungen heute weniger gewachsen wären, im Gegenteil er attestiert dass die psychosoziale Kompetenz von Eltern zugenommen hat.

Betrachtet man die Argumentation Rosas und Dornes‘ genauer, stellt man fest, dass Rosas Begründungen darauf beruhen, dass er die Phänomene in eine möglichst konsistente Erzählung einbettet und quasi die Funktionsweise der Gesellschaft auf wenige Grundmotive zurückführt, eben den Kapitalismus. Es ist wenig überraschend, dass ein linker Politikwissenschaftler wenig Wert auf empirische Beweisführung legt.

Rosas Argumentation ist rein qualitativer Natur. Die Mechanismen, die er benennt, mögen einen Plausibel vorkommen, es lässt sich anhand seiner Argumentation nicht feststellen, ob sie wirklich stark genug sind, um einen dominierenden Einfluss auf einen auszuüben. Dornes hingegen begründet seine Position eher mittels Statistiken und lässt seine Praxiserfahrung in seiner Argumentation einfließen. Er sieht eine Häufung psycho-sozialer Störungen eher bei den unteren Schichten. Es ist nicht auszugehen, dass an die unteren Schichten höhere Ansprüche gestellt werden, daher ist es seht unwahrscheinlich, dass die von Rosa beschriebenen Mechanismen ursächlich für den Großteil psycho-sozialer Störungen sind und andere Ursachen viel entscheidender sind.

Rosas Argumentationsweise ist sicherlich besser geeignet eine öffentliche Debatte für sich zu gewinnen. Da er jedoch völlig auf empirische Belege verzichtet muss man Dornes‘ Argumentation größere Beweiskraft zugestehen.

In Rosas Sicht der Dinge leitet sich alles von wenigen Grundprinzipien ab, der Stress des Einzelnen ist nur eine Erscheinungsform des Weltübels Kapitalismus. Die Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen verschwimmen in dieser Sichtweise; eine Besserung der Lage bietet allein das kollektive Aufbegehren gegen die herrschenden Zustände. Dornes hingegen fragt nach den spezifischen Umständen und fragt was kann der Einzelne im Hier und Jetzt tun damit es ihm besser geht. Ironischer Weise ist es die zweite Sichtweise von der man sich eher gesellschaftliche Veränderungen erhoffen kann. Wenn viele im Einzelnen bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen, führ das eher zu einer besseren Arbeitskultur als ideologische Agitation und Klassenkampf.

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3 Antworten to “Macht der Kapitalismus krank?”

  1. siegfriedmarquardt Says:

    Macht uns Kapitalismus krank? Natürlich nehmen psychische Erkrankungen zu!

    Selbstverständlich nehmen psychische Erkrankungen im Turbo-Kapitalismus zu! Diese Aussage basiert auf solide und fundierte Literaturrecherchen und eigene Forschungsergebnisse! Nahezu übereinstimmend findet man hierzu Forschungsergebnisse diverse Quellen und Institution (diverse Krankenkassen!!!, Statistikportal, Deutsches Ärzteblatt, Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenkrankheiten (DGPPN), das Robert Koch Institut,……) im Internet. Beispielsweise konnte eine Quelle ausfindig gemacht werden, wo von 1972 bis 2012 die psychischen Erkrankungen mit einer Kurve/Funktion eine Darstellung erfuhr, dergestalt, dass von 0,6 Prozent im Jahre 1972 bis 17 Prozent im Jahre 2012 die psychischen Erkrankungen innerhalb von 40 Jahren zunahmen. Eine weitere Funktion einer anderen Quelle reflektiert das Geschehen psychischer Störungen von 2003 bis 2015, dergestalt, dass von 2003 bis 2009 ein gravierender Anstieg der Krankheitstage von 3 Tage auf ca. 11 zu verzeichnen war und dann bis 2015 wieder auf ca. 5 Krankheitstage (von 100 Arbeitsnehmern) abfiel. Das Statistik-Portal (Statista) gibt einen Anstieg psychischer Erkrankungen von 1997 bis 2017 auf ca. 270 Prozent an (auf das 1,7-fache angestiegen). Die Angaben zu den Prozentsätzen psychischer Störungen schwanken stark und werden mit 17 bis zu über 40 Prozent in der Bundesrepublik beziffert. Arbeitslosigkeit und extreme Ausbeutung (Zeitdruck, prekäre Beschäftigungen, geringe Entlohnung, eklatanter Verstoß gegen den Arbeitsschutz und die Ergonomie,…..) sorgen besonders für einen Anstieg der psychischen Erkrankungen /Störungen. Ja, in verschiedenen Gesellschaftsformationen und Ländern kann man die verschiedensten psychischen Erkrankungen mit unterschiedlichen Häufigkeiten, ihre diverse Ausprägung beobachten – darüber sollte einmal Herr Prof. Dr. habil. Martin Dornes nachdenken! Und psychische Erkrankungen lassen sich sehr gut und exakt mit psychodiagnostischen Methoden und Verfahren indizieren bzw. diagnostizieren – mit klaren und eindeutigen Diagnose! Beispielsweise mit dem Fragebogen „ Arbeitsbedingtes Verhaltens- und Erlebnismuster“ (kurz: AVEM) oder mit dem Freiburger Persönlichkeitsinventar (kurz: FPI)! Hier wird beispielsweis die Persönlichkeit mit/in 12 Dimensionen abgebildet und es lassen sich direkt und exakt Diagnosen ableiten – zum Beispiel „psychosomatisch gestört/nervös“, depressiv/Depression oder psychisch labil,….). Was Die Linke allerdings mit dem psychischen Krankheitsgeschehen zu tun haben soll, erschließt sich dem Leser absolut nicht in diesem Kontext! Ansonsten kann sich jeder Mensch davon überzeugen, dass sich der Kapitalismus gerade heiß läuft – im doppelten Sinne der Bedeutung!

    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  2. Siegfried Marquardt Says:

    Rezension zum Taschenbuch: Macht der Kapitalismus depressiv?, Fischer Verlag GmbH, 160 Seiten, 2016, Autor Martin Dornes, seines Zeichens Soziologe und Professor Dr. habil. der Psychoanalyse

    Als ich das Essay von Martin Dornes „ Macht Kapitalismus uns depressiv?“ bei meiner netten Buchhändlerin bestellte und den Titel nannte, meinte diese lakonisch: “Dazu muss ich doch kein Buch lesen! (um dies zu wissen)“. Damit wäre eigentlich die kürzeste Rezension der Welt verfasst worden und man könnte die undankbare selbstgestellte Aufgabe einer Buchrezension beenden! Aber beginnen wir mit der Kontextanalyse des Werkes, wobei schwerpunktmäßig wirklich nur auf die Beantwortung der obigen Frage als Titel „Macht Kapitalismus uns depressiv“ Bezug genommen werden soll. Der erste Blick ins Büchlein offenbarte eine Enttäuschung: Nicht eine Grafik, Abbildung und Tabelle war zu detektieren! Subsummierende Diagnose: Ein unseriöses wissenschaftliches Werk! Vorwegnehmend sei in diesem Kontext konstatiert, dass Dornes durch die Benennung von reinen Zahlen nicht zur Übersichtlichkeit beiträgt – das Gegenteil ist eher der Fall! Mit Tabellen und Grafiken hätten Beweisführungen vs. Negierungen fundierter und eindeutiger geführt werden können.
    Und nun aber kommt noch der Hammer: auf Seite 6 offenbart der Autor seine ganze Unkenntnis zur elementaren Physik: Wenn der Wasserspiegel sinkt, dann würde der Eisberg immer mehr hervortreten! (die Höhe des Eisberges oberhalb der Wasserfläche ist immer konstant und beträgt ca. 0,1 (akkurat 0,11) der Gesamthöhe des Eisbergeses). Hier hätte man eigentlich zum zweiten Mal mit der Buchrezension aufhören können, weil sich der Autor absolut von der Allgemeinbildung her disqualifizierte! Aber nun zur eigentlichen Materie: Selbstverständlich nehmen psychische Erkrankungen im Turbo-Kapitalismus zu! Diese Aussage basiert auf solide und fundierte Literaturrecherchen und eigene Forschungsergebnisse! Nahezu übereinstimmend findet man hierzu Forschungsergebnisse diverse Quellen und Institution (diverse Krankenkassen!!!, Statistikportal, Deutsches Ärzteblatt, Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenkrankheiten (DGPPN), das Robert Koch Institut,……) im Internet. Beispielsweise konnte eine Quelle ausfindig gemacht werden, wo von 1972 bis 2012 die psychischen Erkrankungen mit einer Kurve/Funktion eine Darstellung erfuhr, dergestalt, dass von 0,6 Prozent im Jahre 1972 bis 17 Prozent im Jahre 2012 die psychischen Erkrankungen innerhalb von 40 Jahren zunahmen. Eine weitere Funktion einer anderen Quelle reflektiert das Geschehen psychischer Störungen von 2003 bis 2015, dergestalt, dass von 2003 bis 2009 ein gravierender Anstieg der Krankheitstage von 3 Tage auf ca. 11 zu verzeichnen war und dann bis 2015 wieder auf ca. 5 Krankheitstage (von 100 Arbeitsnehmern) abfiel. Das Statistik-Portal Statista gibt einen Anstieg psychischer Erkrankungen von 1997 bis 2017 auf ca. 270 Prozent an (auf das 1,7-fache angestiegen). Aber verbleiben wir einmal bei der jüngsten Erhebung mit aktuellem Datenmaterial zu psychischen Erkrankungen: Der Fehlzeitenreport 2018 der AOK reflektierte (siehe Märkische Allgemeine vom 05. 09. 2018, Seite 9), dass bei sinnvoller, sinnstiftender Arbeit bei 34 Prozent der Arbeitnehmer Rücken- und Gelenkschmerzen und bei 33 Prozent (unspezifische) Erschöpfungszustände diagnostiziert werden (beide Diagnosen jeweils als Ausdruck psychischer Beanspruchungen). Wird die Arbeit hingegen als unbefriedigend und belastend empfunden, dann erhöhen sich die Prozentwerte jeweils auf 54 und 56 Prozent! Und: In der Märkischen Allgemeinen Zeitung wurde kürzlich erst reflektiert, dass 2/3 der Bevölkerung in Brandenburg an Hypertonie (Bluthochdruck) leidet. Dies ist der überzeugende Beleg dafür, dass die neoliberalen Verhältnisse/Zustände aufgrund der extremen miserablen Arbeitsbedingungen, wie Zeitdruck, geringe Löhne, mehrere Jobs pro Person vermehrt zu psychischen Erkrankungen führt! Kapitalismus macht also eindeutig krank, ja depressiv! Diese Zahlen sind ein deutliches Indiz dafür, dass psychische Störungen und Erkrankungen unzweifelhaft zugenommen haben und dass Arbeit krankmachen kann! Bereits einfache logische Überlegungen lassen erkennen, dass Arbeitslosigkeit (Überforderung durch Unterforderung, demotivierend, deaktivierend, destruktiv, dequalifizierend, psychopathologisch,… ……) und miserable Arbeitsbedingungen und extreme Ausbeutung (lange Anfahrtswege zur und von der Arbeit, ständige Erreichbarkeit über Handy, prekäre Beschäftigungen, 40 Prozent der Werktätigen/ Beschäftigten/ Arbeitnehmer haben befristete Jobs und können keine Zukunft planen , viel zu geringe Entlohnung, unbezahlte Überstunden, mangelnder Arbeitsschutz, Monotonie und Stress, mehrere Jobs pro Tag und Woche,…..) für einen Anstieg der psychischen Erkrankungen / Störungen in Form von Depressionen, Ängste und Burnout (…) sorgen. Was aber absolut erstaunlich und unverständlich ist, ist die Tatsache, dass der Autor die soliden Daten diverser Quellen dazu benutz (z.B. vom Robert- Koch-Institut und vom DAK-Report,….), um seine Hauptthese(n) zu belegen, indem er offensichtlich die Fakten und Daten verdreht bzw. anders interpretiert! Beispielsweise wird eine Quelle gravierend in ihrer Aussagkraft modifiziert, indem der Autor behauptet, dass Frauen besonders von Depressionen betroffen seien. Seine inhaltlichen Beweise, dass durch moderne Multimedia- und Computertechnologien nicht die psychischen Belastungen in modernen Berufen/Arbeitsstätten zunehmen würden, sind einfach absurd! Wahrscheinlich hat Herr Professor Dr. Dornes noch nie in einem modernen Betrieb mit innovativer Computertechnologie gearbeitet!
    Und Schüler sind in Ganztagsschulen, ganz einfach zu berechnen, um den Faktor 0,4 mehr psychisch belastet (10 h-6 h: 10= 0,4). So einfach ist die psychische Mehrbelastung pauschal zu berechnen! Und an einer anderen Stelle (Seite 51 oben zum Burnout) negiert der Autor die Effektivität und Potenz von ergonomischen /arbeitswissenschaftlichen Gestaltungsmaß-nahmen im Arbeitsprozess zur Minimierung von Stress und Burnout und plädiert eher für Verhaltensänderungen/Training der Arbeitsnehmer/Operateure. Wahrscheinlich hat Professor Dornes noch nie etwas von arbeitsplatzgestaltenden Maßnahmen, wie der Forcierung von primären, sekundären und tertiären sicherheitstechnischen Lösungen, der optimalen Gestaltung der physikalischen und chemischen Umweltfaktoren (Beleuchtung, Lärm, elektromagnetischen Wellen und Felder, der Vibrationen,…..) und der optimalen anthropometrischen Auslegung der Arbeitsplätze bzw. der optimalen ingenieurpsycho-
    logischen Auslegung der Anzeige- und Bedienelemente, sowie ihre optimale An- und Zuordnung nach den Kompatibilitäts- und Gruppierungsgesetzen gehört!
    Und psychische Erkrankungen lassen sich sehr gut und exakt mit psychodiagnostischen Methoden und Verfahren indizieren bzw. diagnostizieren – mit klaren und eindeutigen Diagnosen! Beispielsweise mit dem Fragebogen „ Arbeitsbedingtes Verhaltens- und Erlebnismuster“ (kurz: AVEM) oder mit dem Freiburger Persönlichkeitsinventar (kurz: FPI)! Hier wird beispielsweise die Persönlichkeit mit/in 12 Dimensionen abgebildet und es lassen sich direkt und exakt Diagnosen ableiten – zum Beispiel „psychosomatisch gestört/nervös“, depressiv/Depression oder psychisch labil,….). Der Autor arbeitete bei diversen Bildungsträgern als Psychologe und Leiter des Psychologischen Dienstes und führte primär Berufseignungsdiagnostik mit Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Testbatterie von 8 Tests und Fragebögen durch, wobei die Ergebnisse dann in einem Arbeits- und Klinisch-Psychologischen Gutachten einmündeten, um den Vermittlern/Coachs/Sozialpädagogen effektive Informationen zur beruflichen Integration der Klienten in die Hand zu geben. Dabei stellte sich heraus, dass viele Jugendliche und Erwachsene bei längerer Arbeitslosigkeit gravierende psychische Störungen, ja Krankheiten von Depressionen bis zu psychosomatischen Störungen und eine ausgeprägte psychische Labilität aufwiesen, die mit der Applikation des FPI indiziert werden konnten. Und bei der Applikation des Arbeitsbedingten Verhaltens- und Erlebnismuster musste in den drei Dimensionen „Erfolgserleben im Beruf“ „Lebenszufriedenheit“ und „Soziale Unterstützung“ konstatiert werden, dass die Ausprägung ganz minimal war. Für einen großen Teil der Betroffenen musste daher ein Antrag auf Schwerbehinderung oder sogar auf eine Rente aufgrund von Erwerbsminderung gestellt werden. Und das Psychodiagnostische Instrumentarium war sogar so intelligent, dass man das sozialpsychologische Klima in diversen Betrieben diagnostizieren konnte!

    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  3. Oskar Says:

    „Wenn viele im Einzelnen bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen, führ das eher zu einer besseren Arbeitskultur als ideologische Agitation und Klassenkampf.“

    Wie soll das gehen?
    Ich meine hier eine teilweise systemimmanente Logik zu erkennen:

    Der Einzelne soll sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Das setzt voraus, dass der einzelne „fit“ genug ist und mit sämtlichen Ressourcen ausgestattet wurde, die ihn/sie zur erfolgreichen Verhandlung besserer Arbeitsbedingungen mit seinem Arbeitgeber, befähigt. Wenn wir genau jene besprochene Gruppen in den Blick nehmen (Betroffene mit Depressionen, Burn-out etc. oder auch benachteiligte Gruppe ohne ausreichend „individuelle“ Kapitalformen bspw. soziales oder kulturelles Kapital (siehe z.B. auch Habitus)), dann sind doch genau jene Gruppen auf eine Art kollektive/solidarische Unterstützung angewiesen?

    Sonst kommt es doch gerade dazu, dass die „fitteren“ für sich individuell bessere Arbeitsbedingungen aushandeln können. Jener gedanklicher Ansatz befördert genau jene Tendenzen der Reduktion von kollektivvertraglichen Bindungen und fehlender Gehaltstransparenz. Ich denke, das begünstigt nicht unbedingt bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Arbeitskultur.
    Ich verstehe unter besserer Arbeitskultur u.a. die kollegiale und wertschätzende Zusammenarbeit unter Mitarbeitern und Arbeitgebern.

    Wenn Sie Dornes Ansatz als gewichtiger als Rosas Argumentation einschätzen, schließen Sie die Möglichkeiten zur Reflexion und Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Struktur und Rahmenbedingungen aus.

    Dornes Punkt ist wichtig: Es werden mehr an Depressionen und Burn-out Erkrankte erfasst („Zunahme der Burnout-Diagnosen ….vielmehr würden Depression und Burnout heute besser erkannt“)
    Fakt: Es gibt Menschen, die daran erkranken bzw. werden die Diagnosen häufiger lt. Drones gestellt.
    Wie geht die Gesellschaft/der Arbeitsmarkt mit jenen Gruppen um?

    Rosas Punkt ist auch wichtig: in welchen gesellschaftlichen Strukturen verzeichnen wir diese Zunahme der Diagnosen und das bessere Erkennen von Depressionen und Burnout?

    Wäre es nicht sinnvoll auch jene zwei Stränge (individuell und kollektiv) zusammen zu denken?

    Ist der Begriff Klassenkampf nicht überholt? Immerhin spricht man in den Sozialwissenschaften heute u.a. auch von Milieus.

    Weiters wundere ich mich, weshalb in den gegenwärtigen Diskursen, Argumentationen bzw. Analysen basierend auf quantitativen Datenmaterial als gewichtiger empfunden werden. Empirische Forschung umfasst sowohl qualitative wie auch quantitative Forschung. Vielleicht ermöglicht das Stichwort Triangulation (Sozialwissenschaften) einen erweiterten Blick zum Themenfeld.

    Sie beklagen, dass Hartmut Rosa keine Alternativen präsentieren würde: „Wie sich Rosa eine bessere Alternative vorstellt bleibt wie gewohnt im Dunkeln. “

    Ich frage mich wie die Erarbeitung von Alternativen gelingen soll, wenn Positionen generell tendenziell konträr zueinander gedacht werden:

    Rosa vs. Dornes
    Individuum vs. Kollektiv
    quantitativ vs. qualitativ
    Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer

    Die Suche nach Alternativen und Lösungen bzw. die bloße Auseinandersetzung mit solch relevanten Themen verbleibt in einer mageren Gegenüberstellung und der Positionierung auf einer Seite (in Ihrem Fall Dornes) „Ironischer Weise ist es die zweite Sichtweise [Dornes: was kann der Einzelne im Hier und Jetzt tun] von der man sich eher gesellschaftliche Veränderungen erhoffen kann.“

    Dass Sie leider mit jener Positionierung erneut in die neoliberalen Logik tappen, haben ich zu Beginn bereits aufgezeigt.

    Ich glaube, dass für eine weitere, tiefere und lösungsorientierte Auseinandersetzung mit der Thematik die Reflexion jener Fragen und Begriffe mehr gedankliche Spielräume und Alternativen ermöglicht:

    Was ist der Kapitalismus?

    Was ist Ideologie?

    Was ist kritische Psychotherapie?

    Welches Menschenbild vertreten unterschiedliche Strömungen?

    Was ist für Sie eine gute Arbeitskultur?

    Welche unterschiedlichen Ansätze/Definitionen aus welchen Richtungen gibt es zu guter Arbeitskultur?

    Wer setzt(e) sich bisher für gute Arbeitskultur bzw. besser Arbeitsbedingungen ein?

    etc. etc.

    Mit lieben Grüßen

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