Sollte man Wikileaks verdammen?

Es gibt keine Frage, die die Menschen zurzeit mehr entzweit, als die wie man Wikileaks bewerten sollte. Das Spektrum an Meinungen reicht von Unterstützung für die Ziele, über Angst vor den möglichen Auswirkungen auf das frei Internet bis hin zu radikalem Zynismus, der Untertan an sich dürfe ja nicht zu viel wissen (Edit: eine Erläuterung dieser Einschätzung befindet sich im Kommentarbereich). Und die Auswirkungen, die Wikileaks haben wird, sind in der Tat komplex.

Die schwerwiegendste Anschuldigung ist, dass die Veröffentlichungen von Geheiminformationen Menschenleben gefährde. Obwohl diese Vorwürfe auf dem ersten Blick plausibel erscheinen, gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass bisher Menschen durch Informationen zu Schaden kamen, die auf Wikileaks veröffentlich wurden. Es liegt die Spekulation nahe, dass wenn Wikileaks an bestimmte Daten kommt, die Feindpartei das schon lange kann. Zudem hat Wikileaks aus den Fehlern gelernt und versucht nun Daten zu entfernen, die Personen gefährden. Das Restrisiko dürft bei weitem geringer sein, als das Risiko, das von Informanten der Gegenpartei selbst ausgeht.

Ein weiterer Vorwurf besteht darin, dass der Kopf hinter Wikileaks Julian Assange die USA hasst und einen Kreuzzug gegen sie führt. Dieser Vorwurf kommt mir gänzlich unplausibel vor, hätte jemand wie Assange nicht ganz andere Möglichkeiten den USA zu schaden? Wenn man einen Blick in Assanges Biographie wirft, stellt man fest, dass er die Werte die hinter Wikileaks stehen, schon als junger Erwachsener lebte. Nichts in seiner Biographie weist auf extremen Hass hin. Auch kann Ex-Aktivist Herbert Snorasson in einem Interview mit der Zeit meines Erachtens die Motive für das Verhalten von Wikileaks verständlich machen.

Eine intelligentere Kritik besteht darin, zu hinterfragen ob das Vorgehen von Wikileaks nicht, das Ziel den Zugang zu Information zu verbessern konterkariert. Zwingt größere Transparenz nicht dazu Entscheidungsprozesse von den offiziellen Kanälen, die der Transparenz unterworfen worden, auf inoffizielle zu verlagern? Auch das wirkt auf dem ersten Blick plausibel, aber bei Wikileaks geht es explizit um Dokumente, die gerade geheim gehalten werden sollen und zwar nicht nur wegen dem Inhalt der Dokumente selbst, sondern um die Kosten der Geheimhaltung so weit zu erhöhen, dass Geheimhaltung gegenüber Transparentem Verhalten die schlechtere Strategie ist. Um es mit Assanges Worten zu sagen: „the more secretive or unjust an organisation is, the more leaks induce fear and paranoia in its leadership and planning coterie”. (Siehe auch diese Interview)

Der letzte Vorwurf mit dem ich mich auseinandersetzen will, ist die Einordnung von Wikileaks als Verbrecher. Es ist egal wie die Sache juristisch zu beurteilen ist, naturrechtlich gesehen, kann es kein Recht darauf geben Dritten die Weitergabe von Informationen zu untersagen. Der Schutz vor Verrat kann nur durch vertragliche Abmachungen entstehen, kann also nur den Hinweisgeber selbst betreffen, nicht aber daran anschließende Multiplikatoren wie Wikileaks. Wie die die Site moralisch zu beurteilen ist steht wieder auf einem anderen Blatt.

Das faszinierende an Wikileaks sind die extremen Emotionen, die es hervorruft. Diese zeigen sich schon in der Darstellung Assanges. Man vergleiche etwa dieses Foto mit jenem. Oder daran, dass einige seiner Gegner ihm den Tod wünschen. So heftige Reaktionen können nur entstehen, wenn ein wunder Punkt getroffen wurde. Liegt das daran das Bürger des Westens westlichen Staaten absichtlichen Schaden zufügen, also Verräter sind? Das tut auch jeder islamistische Konvertit ohne besonderen Hass auf sich zu ziehen. Oder liegt die Ursache des Hasses nicht vielmehr darin, dass Wikileaks Dinge offenbart, die man eigentlich gar nicht wissen wollte?

Wie die USA deutsche Politiker beurteilen oder dass die Staaten des mittleren Ostens trotz anderslautender Rhetorik Israel dem Iran vorziehen, konnte sich jeder denken. Aber nicht an solche Dinge denken zu müssen erlaubt es einen mehr Gemeinsamkeiten mit seiner Regierung zu finden als objektiv vorhanden sind. Wie wenig die Regierung die eigenen Interessen vertritt ist ein Gedanke, der den meisten Menschen Angst macht und der gerne verdrängt wird. Hier wären wir gerne unehrlich.

Wikileaks erzwingt eine brutale Ehrlichkeit.  Eine solche Ehrlichkeit ist das Merkmal freier Gesellschaften. Denn in freien Gesellschaften muss man sich vor seinem Nächsten nicht verstecken. In unfreien Gesellschaften hingegen kann einem jede Missgunst, die man erregt, zum Verhängnis werden. Daher werden hier die eigenen Ziele hinter einem Schleier aus Lügen und Andeutungen versteckt. Der freie Mensch kann es sich nicht leisten, die Welt durch Schleier hindurch zu sehen, er ist für sein Wohl und Wehe selbst verantwortlich und muss informierte Entscheidungen treffen. (Das ist nebenbei auch ein Grund warum Planwirtschaften und die Verwaltungen autoritärer Regime so ineffizient sind, auch sie können sich ihre Lügen eigentlich nicht erlauben.) Aber unsere Staaten lieben es ihre Politik mit einem seichten Schleier aus Halbwahrheiten zu verweben. Eigentlich können wir uns das nicht leisten und darum bin ich für Wikileaks und verdamme es nicht.

Schlagwörter: , , ,

3 Antworten to “Sollte man Wikileaks verdammen?”

  1. Sollte man Wikileaks verdammen? « Freiheit und Optimismus Says:

    […] den Beitrag weiterlesen: Sollte man Wikileaks verdammen? « Freiheit und Optimismus Tags:vertritt-ist, nicht-dazu, als-objektiv, gemeinsamkeiten, wikileaks, kritik, besteht-darin, […]

  2. Zettel Says:

    Lieber Herr Michel,

    leider bin ich auf Ihren Kommentar erst jetzt aufmerksam geworden. Sie zitieren einen Artikel in ZR so:

    „… bis hin zu radikalem Zynismus, der Untertan an sich dürfe ja nicht zu viel wissen.“

    Sagen Sie bitte, welche Passage meines Artikels Sie dabei im Auge haben? Ich kann darin nichts finden, was auf Untertanen Bezug nimmt, und schon gar nicht kann ich nachvollziehen, daß Sie ein Plädoyer für Vertrauen und Vertraulichkeit als zynisch klassifizieren.

    Herzlich, Zettel

  3. Robert Michel Says:

    Lieber Zettel,
    die von ihnen zitierte Aussage ist natürlich nicht als Zitat gemeint. Ich hoffe, dass für jeden Leser erkennbar ist, dass es sich nicht um eine Eigenbeschreibung ihres Artikels handelt, sondern um eine polemisch überspitzte Zusammenfassung meinerseits. Sie wollen wissen, warum ich ihren Artikel so wahrnehme.

    Meine Wahrnehmung bezieht sich auf den mittleren Abschnitt ihres Artikels, den sie mit horizontalen Linien abgegrenzt haben. Hier vor allem die erste Hälfte bis zum Satz „“Die Politik“ ist in ihren Augen so dumm und korrupt, daß man dort einfach nicht auf sie hört. Zum Verzweifeln.“

    Sie führen darin aus, dass der Zuwachs an Wissen zu Selbstüberschätzung, Ressentiment und Verzweiflung führt. In diesen Abschnitt kommen sie in erster Linie auf das Verhältnis von Herrschenden zu Nicht-Herrschenden zu sprechen (polemisch den Untertanen). Ihren Ausführungen zu Folge kann Wissen die oben genannten negativen Folgen haben, wenn es in die Hände der Nicht-Herrschenden gerät, während den Herrschenden diese Auswirkungen erspart bleiben. Da zu diesem Punkt keine weiteren Abwägungen kommen, muss man davon ausgehen, dass sie es für positiv halten, wenn das Wissen der Nicht-Herrschenden begrenzt bleibt. Meines Erachtens missachten sie hier die Werte der Selbstbefähigung und Bildung.

    Dass Selbstüberschätzung und Ressentiment den gesellschaftlichen Diskurs vergiften, sehe ich genau so wie sie, aber ich sehe die Ursachen an anderer Stelle. Ich mache die Disproportionalität zwischen Gestaltungsmöglichkeiten und dem Erleiden der entsprechenden Konsequenzen dafür verantwortlich. Selbstüberschätzung und Ressentiment sind gerade nichts vor dem die Herrschenden gefeilt wären, das politische System organisiert diese Gefühle doch sogar. Am deutlichsten ist, dass denke ich bei den Grünen zu sehen. Ja, der Einschätzung, dass die Grünen Selbstüberschätzung und Ressentiment organisieren, werden sie wohl nicht wiedersprechen.

    Durch die Zunahme an Wissen wird es dem Einzelnen möglich zu erkennen, dass die Politiker auch nicht kompetenter sind als sie selbst und sogar Halbwahrheiten und Lügen bewusst streuen, um die Zustimmung zu ihrer Politik zu verstärkten. Sie halten diese Einsicht für Verbitterung, aber den Menschen diese Einsicht zu verweigern halte ich für in verletzender Weise amoralisch oder eben zynisch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: