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Sollte man Wikileaks verdammen?

Dezember 3, 2010

Es gibt keine Frage, die die Menschen zurzeit mehr entzweit, als die wie man Wikileaks bewerten sollte. Das Spektrum an Meinungen reicht von Unterstützung für die Ziele, über Angst vor den möglichen Auswirkungen auf das frei Internet bis hin zu radikalem Zynismus, der Untertan an sich dürfe ja nicht zu viel wissen (Edit: eine Erläuterung dieser Einschätzung befindet sich im Kommentarbereich). Und die Auswirkungen, die Wikileaks haben wird, sind in der Tat komplex.

Die schwerwiegendste Anschuldigung ist, dass die Veröffentlichungen von Geheiminformationen Menschenleben gefährde. Obwohl diese Vorwürfe auf dem ersten Blick plausibel erscheinen, gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass bisher Menschen durch Informationen zu Schaden kamen, die auf Wikileaks veröffentlich wurden. Es liegt die Spekulation nahe, dass wenn Wikileaks an bestimmte Daten kommt, die Feindpartei das schon lange kann. Zudem hat Wikileaks aus den Fehlern gelernt und versucht nun Daten zu entfernen, die Personen gefährden. Das Restrisiko dürft bei weitem geringer sein, als das Risiko, das von Informanten der Gegenpartei selbst ausgeht.

Ein weiterer Vorwurf besteht darin, dass der Kopf hinter Wikileaks Julian Assange die USA hasst und einen Kreuzzug gegen sie führt. Dieser Vorwurf kommt mir gänzlich unplausibel vor, hätte jemand wie Assange nicht ganz andere Möglichkeiten den USA zu schaden? Wenn man einen Blick in Assanges Biographie wirft, stellt man fest, dass er die Werte die hinter Wikileaks stehen, schon als junger Erwachsener lebte. Nichts in seiner Biographie weist auf extremen Hass hin. Auch kann Ex-Aktivist Herbert Snorasson in einem Interview mit der Zeit meines Erachtens die Motive für das Verhalten von Wikileaks verständlich machen.

Eine intelligentere Kritik besteht darin, zu hinterfragen ob das Vorgehen von Wikileaks nicht, das Ziel den Zugang zu Information zu verbessern konterkariert. Zwingt größere Transparenz nicht dazu Entscheidungsprozesse von den offiziellen Kanälen, die der Transparenz unterworfen worden, auf inoffizielle zu verlagern? Auch das wirkt auf dem ersten Blick plausibel, aber bei Wikileaks geht es explizit um Dokumente, die gerade geheim gehalten werden sollen und zwar nicht nur wegen dem Inhalt der Dokumente selbst, sondern um die Kosten der Geheimhaltung so weit zu erhöhen, dass Geheimhaltung gegenüber Transparentem Verhalten die schlechtere Strategie ist. Um es mit Assanges Worten zu sagen: „the more secretive or unjust an organisation is, the more leaks induce fear and paranoia in its leadership and planning coterie”. (Siehe auch diese Interview)

Der letzte Vorwurf mit dem ich mich auseinandersetzen will, ist die Einordnung von Wikileaks als Verbrecher. Es ist egal wie die Sache juristisch zu beurteilen ist, naturrechtlich gesehen, kann es kein Recht darauf geben Dritten die Weitergabe von Informationen zu untersagen. Der Schutz vor Verrat kann nur durch vertragliche Abmachungen entstehen, kann also nur den Hinweisgeber selbst betreffen, nicht aber daran anschließende Multiplikatoren wie Wikileaks. Wie die die Site moralisch zu beurteilen ist steht wieder auf einem anderen Blatt.

Das faszinierende an Wikileaks sind die extremen Emotionen, die es hervorruft. Diese zeigen sich schon in der Darstellung Assanges. Man vergleiche etwa dieses Foto mit jenem. Oder daran, dass einige seiner Gegner ihm den Tod wünschen. So heftige Reaktionen können nur entstehen, wenn ein wunder Punkt getroffen wurde. Liegt das daran das Bürger des Westens westlichen Staaten absichtlichen Schaden zufügen, also Verräter sind? Das tut auch jeder islamistische Konvertit ohne besonderen Hass auf sich zu ziehen. Oder liegt die Ursache des Hasses nicht vielmehr darin, dass Wikileaks Dinge offenbart, die man eigentlich gar nicht wissen wollte?

Wie die USA deutsche Politiker beurteilen oder dass die Staaten des mittleren Ostens trotz anderslautender Rhetorik Israel dem Iran vorziehen, konnte sich jeder denken. Aber nicht an solche Dinge denken zu müssen erlaubt es einen mehr Gemeinsamkeiten mit seiner Regierung zu finden als objektiv vorhanden sind. Wie wenig die Regierung die eigenen Interessen vertritt ist ein Gedanke, der den meisten Menschen Angst macht und der gerne verdrängt wird. Hier wären wir gerne unehrlich.

Wikileaks erzwingt eine brutale Ehrlichkeit.  Eine solche Ehrlichkeit ist das Merkmal freier Gesellschaften. Denn in freien Gesellschaften muss man sich vor seinem Nächsten nicht verstecken. In unfreien Gesellschaften hingegen kann einem jede Missgunst, die man erregt, zum Verhängnis werden. Daher werden hier die eigenen Ziele hinter einem Schleier aus Lügen und Andeutungen versteckt. Der freie Mensch kann es sich nicht leisten, die Welt durch Schleier hindurch zu sehen, er ist für sein Wohl und Wehe selbst verantwortlich und muss informierte Entscheidungen treffen. (Das ist nebenbei auch ein Grund warum Planwirtschaften und die Verwaltungen autoritärer Regime so ineffizient sind, auch sie können sich ihre Lügen eigentlich nicht erlauben.) Aber unsere Staaten lieben es ihre Politik mit einem seichten Schleier aus Halbwahrheiten zu verweben. Eigentlich können wir uns das nicht leisten und darum bin ich für Wikileaks und verdamme es nicht.

Manipulative Charaktere – fünf, Der Charismatiker

November 4, 2009

Der Charismatiker ist die Mutter aller manipulativen Persönlichkeiten. Eine Person hat Charisma, wenn sie durch ihre Ausstrahlung viele Menschen für sich gewinnt. Dies gelingt ihr und darin liegt das Manipulative, indem sie das Gefühl weckt ihr gehorchen zu müssen. Es gehört wohl zu unserem biologischen Erbe, dass zu der Bandbreite möglicher Empfindungen auch ein solches Gefühl gehört. Aus einer evolutionären Perspektive macht es durchaus Sinn, dass es einen Mechanismus gibt, der dafür sorgt, dass  wir in der Kindheit unseren Eltern gehorchen oder dass eine Gruppe von Menschen schnell handeln kann, weil klar ist wer das Sagen hat. Wahrscheinlich werden die meisten Leser diesen Impuls zu Gehorchen kennen.

Wenn es einen Impuls zu Gehorchen gibt, muss es auch etwas geben, das ihn auslöst. Dieses etwas ist die Persönlichkeit des Charismatikers oder besser die Art wie der Charismatiker auf andere wirkt. Meines Erachtens sind es folgende drei Eigenschaften die wenn sie zusammen auftreten den Impuls zu Gehorchen auslösen: Ein Charismatiker muss wohlwollend erscheinen, als kompetent wirken und autoritär sein. Als autoritär bezeichne ich jemanden, dessen Missfallen andere vermeiden wollen. Das erreicht der Charismatiker indem er jedes Mal, wenn jemand gegen seine Wünsche handelt, eine sofortige und starke Reaktion zeigt. In diesem Sinne sind Zicken autoritär. Anders als bei einer Zicke wird das autoritäre Verhalten des Charismatikers als positiv wahrgenommen, weil es von Wohlwollen und Kompetenz flankiert wird.

Es gibt eine Charakter in „Pulp Fiction“ der recht gut veranschaulicht, was ich mir unter einen Charismatiker vorstelle, Winson Wolf, der Cleaner der den Auftragsmördern Jules und Vincent dabei hilft, eine ungeplante Leiche (Marvin) zu beseitigen. Winson Wolf gelinkt es schnell eine klare Rolleneinteilung zu etablieren, er bestimmt und die anderen gehorchen.  Während Jules und sein Freund, dem das Haus gehört in dem die Scene spielt, sich Wolf freiwillig unterordnen, leistet Vincent zunächst Widerstand. Er besteht darauf, dass Wolf zu ihm bitte sagt und ist andernfalls nicht bereit ihm Folge zu leisten. Wolf kann nicht sofort Vincents Forderung nachkommen, da das seine Autorität untergraben würde. Er macht also erst viele Worte um darzustellen warum Vincents Bestehen auf ein „Bitte“ deplatziert ist, um ihm dann in leicht übertriebener Form nachzukommen. Diese nicht-aggressive Weise ist typisch dafür wie Charismatiker mit solchen Situationen umgehen.

Das Wesen eine Charismatikers bringt es mit sich einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Tatsächlich kann jedoch die Kombination von Charaktereigenschaften, die einem Charisma verleiht, eine gefährliche Mischung sein. Kompetent erscheinen heißt zunächst, keine Selbstzweifel zu haben; autoritär zu sein, keinen Willen neben sich zu dulden. Wer schon einmal mit einem Charismatiker zusammen arbeiten musste weiß, dass das ein zweifelhaftes Vergnügen ist. Einerseits kann ein Charismatiker tatsächlich viel bewegen, sie bringen viel Energie und Initiative mit, andererseits ist es extrem schwer solche Menschen dazu zu veranlassen Kurskorrekturen vorzunehmen.

Wenn sich ein Charismatiker und die ihm hörigen Personen von der Außenwelt isolieren kann das eine extrem gefährliche Dynamik auslösen. Dem Charismatiker fehlt die Korrektur durch einen Widerspruch und beginnt seinen Willen mit der Realität zu verwechseln. Schließlich versucht er sich zur ultimativen Autorität aufzuschwingen, dem Herr über Leben und Tod. Die Omu-Sekte trug das Bedürfnis Tode zu veranlassen nach außen, bei den Sonnentempler waren die eigenen Sektenmitglieder die Opfer.

Für die konservative Weltanschauung haben Charismatiker eine besondere Bedeutung. Zu der konservativen Überzeugung gehört der Glaube, dass gewöhnliche Menschen Ordnungen brauchen, um ihr Leben zu bewältigen, die sie selbst nicht schaffen können. Quellen für die Ordnungen sind zum einen die Tradition oder in manchen Spielarten des Konservativismus Führungspersönlichkeiten, die natürliche Elite und seltener die Stifter der Ordnungen. Es sei daran erinnert das der ideale Patriarch die Eigenschaften des Charismatikers verkörpert: Wohlwollen, Autorität und Kompetenz. Geht man über die konservative Anschauung hinaus trifft man auf den Standpunkt, dass die Unterordnung unter eine wohlwollende, autoritäre und kompetente Macht ein Ordnungsprinzip ist, das die gesamte Gesellschaft durchdringen soll. Am deutlichsten wird das wahrscheinlich bei der konservativen Revolution in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Gegen diese Vorstellung stehen einige Einwende: Erstens kann man erst dann beurteilen, ob eine Macht wirklich wohlwollend und kompetent ist, wenn man ihrer Führung nicht mehr bedarf. Auch die Mitglider der Omu-Sekte und der Sonnentempler wahren der Meinung, dass ihre Anführer wohlwollend und kompetent waren. Ein Charismatiker kann einem weder das eigene Denken noch eine eigene Entwicklung abnehmen. Dazu kommt das die Eigenschaften des Charismatikers entgegen dem Anschein nicht mit geistiger und moralischer Reife korrelieren müssen. Zweitens und bedeutender ist, dass das Führerprinzip auch in einer kleinen Gruppe eine Anmaßung von Wissen bedeutet. Was eine Führungspersönlichkeit als gut erkannt hat, muss für die Situation eines Hörigen nicht angemessen sein.

Wenn der Impuls zu Gehorchen in uns verankert ist, ist man dann einem Charismatiker nicht hilflos ausgeliefert? Zum Glück nicht, denn alle Instinkte des Menschen sind in einem Ausmaß verkümmert, das es erlaubt sich über solche Impulse hinweg zu setzten und sie mit geringem Aufwand zu verdrängen. Auch das ist aus evolutionärer Sicht plausibel, Männer mit den Eigenschaften eines Charismatikers sind für Frauen sexy (auf ihre besondere Weise auch Frauen für Männer). Daher ist es sinnvoll, dass man dem Impuls zu Gehorchen widerstehen kann, um selbst diese Eigenschaften auszubilden. Man kann wegen der Tatsache, dass Parteien mit Charismatikern an der Spitzte überproportional häufig von Frauen gewählt werden, spekulieren, dass solche Impulse bei Männern stärker verkümmert sind als bei Frauen. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass Männer als rationaler als Frauen gelten.

Noch ein Zweites hilft das die Gesellschaft nicht in von vereinzelten Charismatikern geführte Gruppen zerfällt, gute Umgangsformen. Höflichkeit und die mit ihr verbundenen Tugenden wie Bescheidenheit und das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse verhindert, dass sich die Eigenschaften des Charismatikers entfalten können und das mit bewundernswerter Präzision. Durch Höflichkeit wird vermieden, dass ein Charismatiker sein Missfallen gegenüber abweichendem Verhalten zum Ausdruckbringen kann. Ein Charismatiker kann demgemäß niemals höflich sein. Daher ist es im „Pulp Fiction“-Beispiel sehr treffend, dass sich Vincents Widerstand an der Bitte nach Höflichkeit festmacht. Damit der Mangel an Höflichkeit nicht zu negativen Reaktionen führt, ist es üblich das Charismatiker mit ihrem besonderen Stil oder durch das Erwecken von Sympathie den Mangel überspielen.

In einer Gesellschaft in der der Impuls zur Unterordnung nicht durch gute Umgangsformen gemildert wäre, wurde es unweigerlich zu Spannungen zwischen verschiedenen Charismatikern und ihren Anhängern kommen. Sollten die hier dargestellten Spekulationen zutreffen, dann ist Höflichkeit eine Spontane Ordnung um mit diesem Problem, das in unserem biologischem Erbe verankert ist, fertig zu werden. Die Höflichkeit ermöglicht dem Einzelnen ein größeres Maß an Unabhängigkeit,  ich halte sie daher für eine zutiefst liberale Tugend.