Entnahmestrategien

Was heißt es eigentlich für seine finanzielle Strategie, wenn man nach Jahren des Sparens seine finanziellen Ziele erreicht hat, also über genügend Vermögen zu besitzen um daraus ein passives Einkommen in gewünschter Höhe zu erzielen? Eines ist sicher die Anlageziele ändern sich. War es in der Ansparphase am wichtigsten eine hohe Rendite zu erzielen, steht nun der Kapitalerhalt und regelmäßiges Einkommen im Vordergrund. Das kann nicht ohne Auswirkungen auf den Anlagemix bleiben. Dazu einige Denkanstöße.

In der Ansparphase konnte es einen relativ egal sein, wie sehr der Wert des Vermögens schwankt. In diesem Zeitraum hat man die Mittel um Schwächephasen auszusitzen, was Aktien zum idealen Anlagevehikel macht. Diese haben perspektivisch eine hohe Rendite, aber man weiß nicht über welchen Zeitraum sich diese realisiert. Die Märkte können über Jahre seitwärts verlaufen oder sinken. Da man in der Ansparphase nicht auf das Vermögen angewiesen ist, trifft einen dieser Nachteil weniger.

In der Entnahmephase gilt das nicht mehr. Da man laufend Geld aus seinem Vermögen entnimmt, würde eine Phase ohne Gewinne dieses dezimieren. Andererseits ist man auch nicht mehr auf hohe Renditen angewiesen. In anderen Worten, es ist wichtiger, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Mindestrendite erzielt, als dass man die Change auf eine deutlich höhere Rendite behält. Es bietet sich anscheinend an von Aktien in andere Anlagen umzuschichten.

Der klassische Weg wäre in der Entnahmephase von Aktien in festverzinsliche Wertpapiere umzuschichten. Diese haben zwar den Vorteil ein verlässliches Einkommen zu bieten, aber in Zeiten der finanziellen Repression bräuchte man ein gigantisches Vermögen, um mit festverzinslichen Wertpapieren ein ausreichendes Einkommen zu erreichen. Weicht man in Anleihen in Fremdwährungen aus, riskiert man durch eine Aufwertung der Heimatwährung massive Einbußen hinnehmen zu müssen. Hinzu kommt, dass festverzinsliche Wertpapiere stärker von Inflation betroffen sind und daher auf der Sicht von Jahrzehnten ähnlich riskant wie Aktien sind.

Ein ähnlicher Weg, wie festverzinsliche Wertpapiere stellt die Investition in Immobilien dar. Sie bieten etwas höher Renditen als festverzinsliche Anlagen und schützen besser vor Inflation. Stellen sie also das ideale Anlagevehikel in der Entnahmephase dar? Leider nicht, denn Immobilien haben als Anlageobjekt eine unhandliche Größe. Selbst wenn man ein großes Vermögen hat, wird man nicht mehr als eine Hand voll Objekte besitzen. Will man besser diversifizieren ist man gezwungen die Objekte zu beleihen. Aber auch dann wird man in Immobilien in seiner näheren Umgebung investieren, so dass man davon abhängt wie sich in der eigenen Region die Mieten entwickeln. Mit Immobilien ist man unterdiversifizieren, der eigene Anlageerfolg hängt nur wenig mit dem Anlageerfolg des durchschnittlichen Immobileninvestors zusammen.

Sind am Ende Aktien verhältnismäßig doch nicht so schlecht? Zwar ist es schwer vorherzusagen, wie sich die Märkte entwickeln, dennoch gibt es Strategien die darauf abzielen aus einem Aktiendepot ein regelmäßiges Einkommen zu beziehen. Am einfachsten nachzuvollziehen ist die Dividendenstrategie. Hier geht man davon aus, dass die Mittel, die die Unternehmen ausschütten, dem entsprechen was man konservativ geschätzt verkonsumieren darf ohne das Vermögen anzugreifen. So plausibel wie das zunächst klingen mag, der Dividendenstrategie zu folgen, heißt nichts anderes als sein finanzielles Wohlergehen von der Kompetenz und Integrität anderer abhängig zu machen.

In den heutigen Tagen ist Dividendenrendite so hoch begehrt, dass es den Managern möglich ist die Aktienkurse nach oben zu treiben in dem sie einfach höhere Dividenden ausschütten. Mitunter wird daher die Dividende auf ein Niveau gehoben, das nicht nachhaltig ist, wie die Aktionäre Stonemores schmerzhaft erfahren mussten. Gibt man sich nur mit der durchschnittlichen Dividende aller Aktien zufrieden kann man nur mit 2-3% rechnen. Wenn man nicht bevorzugt auf dividendenstarke Aktien setzt, braucht mal also nach mit der Dividendenstrategie deutlich mehr Vermögen als mit einer Strategie, die die gesamte Ertragskraft des Aktienvermögens berücksichtigt.

Eine weiter Strategie, die sich großer Beliebtheit erfreut ist die 4%-Regel. Hier wird am Beginn der Auszahlungsphase der Betrag bestimmt, der 4% des Vermögens entspricht. Dieser Betrag wird dann Jahr für Jahr dem Vermögen entnommen. Der einmal gewählte Betrag ist fix und wird nicht den Schwenkungen des Vermögens angepasst. Die 4%-Regel geht auf eine Studie zurück, die den höchsten Betrag bestimmt hat, den man jährlich einem Depot entnehmen kann ohne in den folgenden 30 Jahren das Depot aufbrauchen. Es wurde von einem Depot ausgegangen, dass hälftig aus Aktien und Anleihen besteht. Untersucht wurden alle 30 Jahresperioden von 1925 und 1995. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass eben jene 4% ausreichend niedrig sind.

Das größte Problem der 4%-Regel ist, dass sie sich allein aus den Entwicklungen in der Vergangenheit ableitet. Die Welt von heute unterscheidet sich in einigen Punkten von der die wir zwischen 1925 und 1995 kennengelernt haben. Festverzinsliche Wertpapiere werfen keine Rendite mehr ab und Aktien sind relativ hoch bewertet. Es ist also fraglich ob ein Anteil von 50% festverzinslicher Wertpapiere sonderlich viel Sinn macht und ob man überhaupt noch mit 4% realer Rendite rechnen kann.

Will man auch in der Entnahmephase an Aktien festhalten, ist man also gezwungen die Entnahmerate dynamisch an die zu erwartende Rendite anzupassen. Dazu muss man sich eine Vorstellung bilden welche Ertrag man konservativ von Aktien langfristig erwartet. Diesen Betrag bereinigt um die Inflation und abzüglich eines Sicherheitspuffers entnimmt man nun den Aktiendepot. Jedes Jahr passt man den Betrag erneut an. Der Betrag wird typischerweise schwanken, sodass man gezwungen ist seinen Konsum entsprechend anzupassen. Die Schwankungen werden jedoch weniger heftig ausfallen, als die Schwankungen des Gesamtmarkts. Denn diese sind vor allem darauf zurückzuführen sind, dass sich die Einschätzung ändert wie hoch ein bestimmter Gewinn bewertet werden sollte, wie hoch das angemessene KGV oder eine vergleichbare Kennzahl ist. Andererseits wird der Ertrag in einer Rezession stark einbrechen, sodass man auf eine Reserve in schwankungsarmen Anlagen angewiesen ist, um Schwächephasen zu überstehen.

Eine weitere Möglichkeit den Ertrag von Aktien zu glätten bieten Optionen. Optionen sind dazu gemacht Chancen und Risiken neu zu verteilen. In der Entnahmephase kann man prinzipiell zum großen Teil auf die Chancen verzichten. Hier die Erwartungen um 20% zu schlagen ist zwar angenehm, viel wichtiger ist hingegen dass man nicht zu sehr hinter den Erwartungen zurückliegt. Optionen erlauben es seine Chancen gegen regelmäßige Einkommen zu tauschen, die entsprechende Strategie ist der Verkauf von Call-Optionen. Anderseits ist es auch möglich sich durch den Erwerb von Put-Optionen sich gegen starke Einbrüche Abzusichern. Kombiniert man beide Vorgehensweisen ergeben sich sogenannte „Collar“-Stategien. Die Nachteile, Optionen zur Glättung der Erträge zu verwenden, liegen in dem hohen Zeitaufwand, der damit verbunden ist und die Unsicherheit, ob und wieweit die langfristigen Erträge damit geschmälert werden.

Wie unser kurzer Abriss der unterschiedlichen Instrumente und Strategien gezeigt hat, ist die Aufgabe Vermögen in regelmäßiges Einkommen zu verwandeln alles andere als trivial. In Zeiten der finanziellen Repression ist es nicht mehr möglich eine einfache Regel ohne Nachdenken zu befolgen und damit sicher über die Runden zu kommen. Gerade die Instrumente die am ehesten Erfolg verheißen — Imobilien, Aktien und Optionen — setzten solide Kenntnisse der Materie voraus, die man sich schon beim Aufbau des Vermögens aneignen muss. Wie zehren in der Entnahmephase nicht nur von unserem Kapital, sondern auch von den Wissen, das wir uns in der Aufbauphase angeeignet haben.

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