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Die Suche nach den niedrig hängenden Früchten — Das deep value Depot

August 22, 2017

Vor wenigen Tagen rief Stefan von Stefansbörsenblog dazu auf die Renditen der deutschsprachigen Finanzblogger zusammenzutragen. Eine derartige Sammlung bietet sicher interessante Einblicke und da ich vor hatte über kurz oder lang meine Strategie als Ganzes vorzustellen, nutze ich die Gelegenheit und nehme gerne daran teil. Nicht zuletzt ist der vorgeschlagene Vergleichszeitraum nicht ganz unvorteilhaft für mich. Dazu später mehr.

Ziel der Blogparade „Wir machen uns alle nackig“ ist es die Rendite von interessierten Anlegern also vor allem Finanzbloggern und ihren Lesern vergleichbar zu machen. Um eine gemeinsame Basis für den Vergleich zu bieten schlägt Stefan vor den internen Zinsfuß als Berechnungsmethode zu verwenden und den Zeitraum vom 25. August 2015 bis 20.August 2017 zu betrachten.

Der Zeitraum ist mit etwa 2 Jahren zwar zu kurz um aussagekräftige Zahlen zu liefern, aber wenn wir das Vorgehen jedes Jahr wiederholen dürfte auf Dauer ein sehr interessantes Live-Experiment werden. Ernst zu nehmen sind auch Sorgen die im Kommentarstrang zum Aufruf laut wurden: Wenn man nur auf die selbst berichtet Zahlen vertraut, was hindert die Teilnehmer daran sich zu ihren Gunsten zu verrechnen? Oder etwas subtiler werden nicht vor allem diejenigen Auskünfte geben, die in dem gewählten Zeitraum besonders gut abgeschnitten haben? Man kann also auf einige Interessante Zahlen und einige aufschlussreiche Geschichten dazu hoffen, aber man sollte nicht den Fehler machen das Ergebnis für repräsentativ zu halten.

Bevor ich nun meine eigenen Zahlen besteuere möchte ich meine Anlagestrategie darlegen. Wenn man sein Vermögen gewinnbringend investieren möchte und bereit ist die nötige Zeit zu investieren, dann sollte man versuchen die höchste Rendite bei dem geringsten Risiko einzufahren. Ausgehend von diesen Grundgedanken habe ich vor fünf Jahren angefangen zu untersuchen welche Ansätze Aussicht auf Erfolg haben und welche weniger. Relativ schnell bin ich in der Value-Schiene gelandet, d.h. ich versuche bevorzugt in Aktien zu investieren, die in irgendeine Art billig sind. Durch Erfolg und Misserfolg hat sich dann auch mein Anlagestil weiterentwickelt und ich probiere gerne neue Ansätze aus. Andererseits hat es sich schnell gezeigt, dass es für mich am besten funktioniert solche Titel auszuwählen die eine starke Bilanz mit einer sehr niedrigen Bewertung kombinieren. Am liebesten sind mir daher Net-Nets.

Mein Investmentprozess sieht so aus, dass ich auf der Basis einer bestimmten Idee einen Aktienscreen konstruiere, dessen Parameter ich solange ändere bis ich auf etwa 40 Werte komme. Diese sehe mir der Reihe nach an, wobei ich die meisten Werte nach wenigen Sekunden verwerfe. Übersteht der Wert die erste Begutachtung, schaue ich mir den letzten Geschäftsbericht an, auf dessen Basis ich meine Investitionsentscheidung treffe. Im Erfolgsfall bleiben etwa ein bis zwei Werte bestehen in die ich investiere.

Leider wird es mit dem fortschreitenden Bullenmarkt immer schwerer niedrige bewertete Aktien zu finden. Daher weiche ich zunehmend auf andere Anlagestile aus. Wenn man sich vor Augen hält dass Qualitätsaktien ihre beste Performanz in Rezessionen haben und Value Aktien im jungen Bullenmarkt macht es vielleicht auch Sinn eine Strategie- bzw. Faktorrotation zu betreiben. Andererseits Deep Value ist niemals zu hoch bewertet, Deep Value stirbt im Bullenmarkt einfach aus.

Unabhängig von der inhaltlichen Aktienauswahl  habe ich mir einige formale Regeln zurecht gelegt:

  1. Um den Einfluss von Währungsschwankungen zu begrenzen und gleichzeitig eine möglichst gute Diversifikation zu erreichen strebe ich an um 40% meines Depots in nicht Euroländern zu investieren. Die Auswahl der Währungen erfolgt bottom-up. Das heißt ich investiere dort wo ich passende Aktien finde und stelle Makroöknomische Überlegungen in den Hintergrund.
  2. Ich investiere in 20 bis 25 Titel. Das ist für mich der beste Kompromiss aus Diversifikation und Zeitaufwand.
  3. Hat eine einzelne Aktie mehr als 10% Depotgewicht wird der Anteil reduziert. Das Gewicht mit der ich eine Position eröffne beträgt 5% oder weniger wenn nicht ausreichend Liquidität vorhanden ist. Ich strebe an, dass alle Positionen möglichst ähnliches Gewicht haben.
  4. Pro Monat sollte es etwa einen Verkauf und einen Kauf geben. Durch diese Weise versuche ich den Turn-Over zu begrenzen.
  5. Es wird angestrebt 10% des Depots in Cash zu halten.
  6. Finde ich Aktien mit attraktiver impliziten Volatilität schreibe ich ATM Puts die mit dem Bargeldbestand gedeckt sind.
  7. Ist die implizite Volatität generell niedrig investiere ich 2-4% des Depots in langlaufende ATM Calls.
  8. Es ist zulässig Aktien leerzuverkaufen.

Aber nun zu den Zahlen:

Depot am 31.08.2015:

Depot_30_07_2017

Depot 31.07.2017:

Depot_01_09_2015

Die Performanz in unterschiedlichen Zeiträumen:

Performanztabelle

Die Performanz für den jeweiligen Zeitraum entspricht dem internen Zinsfuß nach eigener Berechnung. Die Volatilität und Sharpe Ratio habe ich aus dem entsprechenden Report meines Brokers entnommen. Die Angaben zur Benchmark habe ich ebenfalls aus dem entsprechenden Report. Da die Performanz nach einer anderer Methode berechnet wird ist, die Performanz der Benchmark nicht mit dem internen Zinsfuß des Depots vergleichbar. Allerding zeigt der Vergleich die allgemeinen Tendenzen.

Neben dem Vergleichszeitraum und den Zeitraum seit Beginn meines Aktienengagements habe drei weitere Zeiträume ausgewertet, die durch unterschiedliche Strategien geprägt waren. Die Sturm und Drang Phase umfasst den Zeitraum in dem ich noch wenig Investmenterfahrung hatte. Typisch waren einfache KGV-Strategien und so landeten Werte wie EON und Commerzbank in meinem Depot. Was meine Performanz rettete waren kleine Werte wie KWG und Travel Viva. Da sich die Märkte in dieser Phase von dem Wiederaufflackern der Euro-Kreise 2011 erholten konnten sowohl der Gesamtmarkt als auch mein Depot hohe Zuwächse erzielen. Insgesamt spiegelte mein Depot die Performanz des Gesamtmarkts erstaunlich exakt wieder. Es gelang mir nicht mich positiv oder negativ gegenüber diesem abzusetzen.

Angeregt von den Erfahrungen aus meinen Anfänger Jahren versuchte ich in der darauffolgenden Phase an mich stärker vom Gesamtmarkt zu differenzieren und investierte verstärkt in Nebenwerte und probierte es mit verschiedene Optionsstrategien. Und damit fiel ich auf die Nase. In dem Zeitraum von 28.02.2014-31.10.2015 erlitt ich mit ALBEMARLE & BOND HOLDINGS und Mox Telekom zwei Insolvenzen, wodurch ich stark gegenüber meiner Benchmark zurückfiel. Ich sah mich gezwungen die Lehre aus meinen Erlebnissen zu ziehen und nach Wegen zu suchen das Risiko in meinem Depot zu reduzieren.

Mit den neuen Einsichten ausgestattet begann damit die dritte Phase, die vor allem dadurch geprägt ist, dass ich meinen Investments gegenüber deutlich anspruchsvoller geworden bin. Während mir in früheren Zeiten schon relativ oberflächliche Überlegungen ausgereicht haben, um ein Wert ins Depot zu legen, möchte ich heute ein genaueres Verständnis dafür haben, warum ein Titel nicht zu seinem Fairen Wert gehandelt wird. Es wäre sicher erfreulich, wenn ich die Performanz der letzten zwei Jahre halten könnte. Allerding hatte ich in dieser Zeit auch sehr viel Rückenwind erhalten. POLYTEC HOLDING AG legte eine Entwicklung hin mit der niemand rechnen konnte und den Aktionären von ZAPF CREATION AG wurde wenige Tagen nachdem ich eingestiegen bin ein Buy-Out angeboten, was zur Neubewertung dieses Titels führte und nur zwei günstige Begebenheiten zu nennen.

Ich hoffe dieser Abriss meiner Strategie und meiner Investmentbiographie konnte dem geneigtem Leser zu neuen Einsichten verhelfen oder zumindest eine gute Unterhaltung bieten.

Rationalität und Empathie

Juni 15, 2017

Rationalität hat mit unter einen äußerst schlechten Ruf. Mit ihr werden Kaltherzigkeit und fehlendes Einfühlungsvermögen assoziiert. Im Folgenden werde ich der Frage nachgehen auf welche Weise sich Rationalität und Empathie wirklich beeinflussen.

Rationalität ist das Charakteristikum einer Person, die ihr Denken und Handeln an nachvollziehbaren und faktenbasierten Kriterien ausrichtet. Abhängig von dem Bereich über den gedacht oder in dem gehandelt wird, kann Rationalität Unterschiedliches bedeuten. Wichtig ist etwa die Zweckrationalität. Die ist verwirklicht, wenn die verwendeten Mittel dazu geeignet und angemessen sind, ein gefasstes Ziel zu erreichen. Zweckrationalität bedient sich insbesondere den Kenntnissen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Eine andere Form von Rationalität ist z.B. die Fähigkeit, Überzeugungen in sich schlüssig und für andere nachvollziehbar zu entwickeln.

Empathie bezeichnet ein Spektrum von Fähigkeiten, die einem helfen sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Man unterscheidet zwischen der emotionalen und der kognitiven Empathie. Emotionale Empathie lässt einen das gleiche empfinden, wie ein anderer, umfasst also Mitleiden und Mitfreuen. Kognitive Empathie ist die Fähigkeit Vermutungen darüber anzustellen, was andere Denken, Fühlen oder Wissen. Ein Standardbeispiel für Kognitive Empathie sind „False-Belief“-Aufgaben. Z.B. wird einem Kind in Anwesenheit einer Person, nennen wir sie A, gezeigt, dass ein Gegenstand in einer ersten Box liegt. Dann Verlässt A den Raum und der Gegenstand wird von der Box in eine andere gelegt. Ist die kognitive Empathie des Kindes weitgenug entwickelt, weiß es, dass A den Gegenstand immer noch in der ersten Box vermutet.

Studien zu der Frage, wie sich Rationalität und Empathie gegenseitig beeinflussen, kommen tatsächlich zu dem Ergebnis, das Menschen nicht gleichzeitig emphatisch und analytisch handeln können. Es hat sich gezeigt, dass wenn Menschen mit Aufgaben beschäftig sind, die analytisches Nachdenken erfordert, der Teil des Gehirns gehemmt wird, der mit Empathie im Zusammenhang steht und umgekehrt. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass bei Menschen je nachdem ob sie bevorzugt emotionale Empathie oder kognitive Empathie verwenden, unterschiedliche Regionen im Gehirn stärker ausgeprägt sind. Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Fähigkeit zu den Unterschiedlichen Arten von Empathie davon abhängt wie stark wir sie verwenden. Also auch die Gefahr besteht, dass diese Fähigkeiten abnehmen, wenn sie nicht oft genug verwendet werden.

Andererseits zeigt sich jedoch auch, dass Empathie von analytischen Fähigkeiten Profitieren kann. Menschen, die eher bereit sind ihren ersten Eindruck zu hinterfragen, schneiden besser dabei ab, die Emotionen anderer zu erfassen.

Meines Erachtens passen die Ergebnisse dieser Studien gut zu dem Alltagsempfinden. Menschen tendieren sehr stark dazu entweder einen emotionalen oder einen rationalen Zugang zu Welt zu haben. Andererseits gehen Defizite im analytischen Denken oft mit Schwierigkeiten einher sich in andere Menschen hineinversetzten zu können.

Um unser Leben bewältigen zu können benötigen wie sowohl gutes rationales Denken als auch gutes Einfühlungsvermögen. Da sich Rationalität und Empathie gegenseitig behindern können ist es wichtig sich bewusst zu sein, wann welche Fähigkeiten benötigt werden und der Neigungen entgegenzuarbeiten, sich nur auf ein bestimmtes Skill-Set zu verlassen. Menschen mit einem bevorzugt rationalen Zugang zur Welt würden stark davon profitieren sich mehr darum zu bemühen, was in anderen vorgeht und Menschen mit einen bevorzugt emotionalen davon ihre Intuition häufiger zu hinterfragen. Auf diese Weise kann man zu einer vollständigen Sicht auf die Welt kommen.

Entnahmestrategien

April 25, 2017

Was heißt es eigentlich für seine finanzielle Strategie, wenn man nach Jahren des Sparens seine finanziellen Ziele erreicht hat, also über genügend Vermögen zu besitzen um daraus ein passives Einkommen in gewünschter Höhe zu erzielen? Eines ist sicher die Anlageziele ändern sich. War es in der Ansparphase am wichtigsten eine hohe Rendite zu erzielen, steht nun der Kapitalerhalt und regelmäßiges Einkommen im Vordergrund. Das kann nicht ohne Auswirkungen auf den Anlagemix bleiben. Dazu einige Denkanstöße.

In der Ansparphase konnte es einen relativ egal sein, wie sehr der Wert des Vermögens schwankt. In diesem Zeitraum hat man die Mittel um Schwächephasen auszusitzen, was Aktien zum idealen Anlagevehikel macht. Diese haben perspektivisch eine hohe Rendite, aber man weiß nicht über welchen Zeitraum sich diese realisiert. Die Märkte können über Jahre seitwärts verlaufen oder sinken. Da man in der Ansparphase nicht auf das Vermögen angewiesen ist, trifft einen dieser Nachteil weniger.

In der Entnahmephase gilt das nicht mehr. Da man laufend Geld aus seinem Vermögen entnimmt, würde eine Phase ohne Gewinne dieses dezimieren. Andererseits ist man auch nicht mehr auf hohe Renditen angewiesen. In anderen Worten, es ist wichtiger, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Mindestrendite erzielt, als dass man die Change auf eine deutlich höhere Rendite behält. Es bietet sich anscheinend an von Aktien in andere Anlagen umzuschichten.

Der klassische Weg wäre in der Entnahmephase von Aktien in festverzinsliche Wertpapiere umzuschichten. Diese haben zwar den Vorteil ein verlässliches Einkommen zu bieten, aber in Zeiten der finanziellen Repression bräuchte man ein gigantisches Vermögen, um mit festverzinslichen Wertpapieren ein ausreichendes Einkommen zu erreichen. Weicht man in Anleihen in Fremdwährungen aus, riskiert man durch eine Aufwertung der Heimatwährung massive Einbußen hinnehmen zu müssen. Hinzu kommt, dass festverzinsliche Wertpapiere stärker von Inflation betroffen sind und daher auf der Sicht von Jahrzehnten ähnlich riskant wie Aktien sind.

Ein ähnlicher Weg, wie festverzinsliche Wertpapiere stellt die Investition in Immobilien dar. Sie bieten etwas höher Renditen als festverzinsliche Anlagen und schützen besser vor Inflation. Stellen sie also das ideale Anlagevehikel in der Entnahmephase dar? Leider nicht, denn Immobilien haben als Anlageobjekt eine unhandliche Größe. Selbst wenn man ein großes Vermögen hat, wird man nicht mehr als eine Hand voll Objekte besitzen. Will man besser diversifizieren ist man gezwungen die Objekte zu beleihen. Aber auch dann wird man in Immobilien in seiner näheren Umgebung investieren, so dass man davon abhängt wie sich in der eigenen Region die Mieten entwickeln. Mit Immobilien ist man unterdiversifizieren, der eigene Anlageerfolg hängt nur wenig mit dem Anlageerfolg des durchschnittlichen Immobileninvestors zusammen.

Sind am Ende Aktien verhältnismäßig doch nicht so schlecht? Zwar ist es schwer vorherzusagen, wie sich die Märkte entwickeln, dennoch gibt es Strategien die darauf abzielen aus einem Aktiendepot ein regelmäßiges Einkommen zu beziehen. Am einfachsten nachzuvollziehen ist die Dividendenstrategie. Hier geht man davon aus, dass die Mittel, die die Unternehmen ausschütten, dem entsprechen was man konservativ geschätzt verkonsumieren darf ohne das Vermögen anzugreifen. So plausibel wie das zunächst klingen mag, der Dividendenstrategie zu folgen, heißt nichts anderes als sein finanzielles Wohlergehen von der Kompetenz und Integrität anderer abhängig zu machen.

In den heutigen Tagen ist Dividendenrendite so hoch begehrt, dass es den Managern möglich ist die Aktienkurse nach oben zu treiben in dem sie einfach höhere Dividenden ausschütten. Mitunter wird daher die Dividende auf ein Niveau gehoben, das nicht nachhaltig ist, wie die Aktionäre Stonemores schmerzhaft erfahren mussten. Gibt man sich nur mit der durchschnittlichen Dividende aller Aktien zufrieden kann man nur mit 2-3% rechnen. Wenn man nicht bevorzugt auf dividendenstarke Aktien setzt, braucht mal also nach mit der Dividendenstrategie deutlich mehr Vermögen als mit einer Strategie, die die gesamte Ertragskraft des Aktienvermögens berücksichtigt.

Eine weiter Strategie, die sich großer Beliebtheit erfreut ist die 4%-Regel. Hier wird am Beginn der Auszahlungsphase der Betrag bestimmt, der 4% des Vermögens entspricht. Dieser Betrag wird dann Jahr für Jahr dem Vermögen entnommen. Der einmal gewählte Betrag ist fix und wird nicht den Schwenkungen des Vermögens angepasst. Die 4%-Regel geht auf eine Studie zurück, die den höchsten Betrag bestimmt hat, den man jährlich einem Depot entnehmen kann ohne in den folgenden 30 Jahren das Depot aufbrauchen. Es wurde von einem Depot ausgegangen, dass hälftig aus Aktien und Anleihen besteht. Untersucht wurden alle 30 Jahresperioden von 1925 und 1995. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass eben jene 4% ausreichend niedrig sind.

Das größte Problem der 4%-Regel ist, dass sie sich allein aus den Entwicklungen in der Vergangenheit ableitet. Die Welt von heute unterscheidet sich in einigen Punkten von der die wir zwischen 1925 und 1995 kennengelernt haben. Festverzinsliche Wertpapiere werfen keine Rendite mehr ab und Aktien sind relativ hoch bewertet. Es ist also fraglich ob ein Anteil von 50% festverzinslicher Wertpapiere sonderlich viel Sinn macht und ob man überhaupt noch mit 4% realer Rendite rechnen kann.

Will man auch in der Entnahmephase an Aktien festhalten, ist man also gezwungen die Entnahmerate dynamisch an die zu erwartende Rendite anzupassen. Dazu muss man sich eine Vorstellung bilden welche Ertrag man konservativ von Aktien langfristig erwartet. Diesen Betrag bereinigt um die Inflation und abzüglich eines Sicherheitspuffers entnimmt man nun den Aktiendepot. Jedes Jahr passt man den Betrag erneut an. Der Betrag wird typischerweise schwanken, sodass man gezwungen ist seinen Konsum entsprechend anzupassen. Die Schwankungen werden jedoch weniger heftig ausfallen, als die Schwankungen des Gesamtmarkts. Denn diese sind vor allem darauf zurückzuführen sind, dass sich die Einschätzung ändert wie hoch ein bestimmter Gewinn bewertet werden sollte, wie hoch das angemessene KGV oder eine vergleichbare Kennzahl ist. Andererseits wird der Ertrag in einer Rezession stark einbrechen, sodass man auf eine Reserve in schwankungsarmen Anlagen angewiesen ist, um Schwächephasen zu überstehen.

Eine weitere Möglichkeit den Ertrag von Aktien zu glätten bieten Optionen. Optionen sind dazu gemacht Chancen und Risiken neu zu verteilen. In der Entnahmephase kann man prinzipiell zum großen Teil auf die Chancen verzichten. Hier die Erwartungen um 20% zu schlagen ist zwar angenehm, viel wichtiger ist hingegen dass man nicht zu sehr hinter den Erwartungen zurückliegt. Optionen erlauben es seine Chancen gegen regelmäßige Einkommen zu tauschen, die entsprechende Strategie ist der Verkauf von Call-Optionen. Anderseits ist es auch möglich sich durch den Erwerb von Put-Optionen sich gegen starke Einbrüche Abzusichern. Kombiniert man beide Vorgehensweisen ergeben sich sogenannte „Collar“-Stategien. Die Nachteile, Optionen zur Glättung der Erträge zu verwenden, liegen in dem hohen Zeitaufwand, der damit verbunden ist und die Unsicherheit, ob und wieweit die langfristigen Erträge damit geschmälert werden.

Wie unser kurzer Abriss der unterschiedlichen Instrumente und Strategien gezeigt hat, ist die Aufgabe Vermögen in regelmäßiges Einkommen zu verwandeln alles andere als trivial. In Zeiten der finanziellen Repression ist es nicht mehr möglich eine einfache Regel ohne Nachdenken zu befolgen und damit sicher über die Runden zu kommen. Gerade die Instrumente die am ehesten Erfolg verheißen — Imobilien, Aktien und Optionen — setzten solide Kenntnisse der Materie voraus, die man sich schon beim Aufbau des Vermögens aneignen muss. Wie zehren in der Entnahmephase nicht nur von unserem Kapital, sondern auch von den Wissen, das wir uns in der Aufbauphase angeeignet haben.

Ein Tag im Park

Oktober 17, 2013

Eine Freundin von mir hat mich auf den sehr guten Comic-Strip „a Day at the Park“ aufmerksam gemacht. In dem Comic werden zwei Lebensauffassungen gegenübergestellt, die einen interessanten Kontrast ergeben. Die Handlung besteht eigentlich nur einem einzigen Dialog von zwei Protagonisten, die sich zufällig auf einer Bank in einem Park begegnen und ins Gespräch kommen. Es stellt sich heraus, dass das beide eine Leidenschaft für das Sammeln haben, allerdings sammeln sie gegenteilige Dinge: Während der eine Fragen sammelt, sammelt der andere Antworten. Da dies jeweils auf das Unverständnis ihres Gegenübers trifft, entbrennt eine Diskussion über den Wert von Fragen und Antworten.

Der die Fragen sammelt führt an, dass sich das ganze Universum laufend ändert und Fragen an diesen Veränderungen teilhaben, ihr Wert kann dadurch sogar steigen. Antworten hingegen veralten und ihr Wert kann nur fallen. Der die Antworten sammelt erwidert, dass Fragen irgendwann auf Antworten treffen und dann selten etwas von ihnen übrig bleiben. An dieser Stelle fühlt sich der Fragen sammelnde gezwungen zuzugeben, dass auch er Antworten sammelt, ohne Antworten könnte man keine Entscheidungen treffen und wäre nicht fähig zu handeln. Aber er sehe keinen Grund Antworten wertzuschätzen, denn es kommt die Zeit an der die Antworten die Fragen nicht mehr richtig bedienen und sie fortgeschickt werden sollten. Eine falsche Antwort könne einen daran hindern zu den richtigen Fragen zurück zu kehren. Personen, denen die Frage fehlt, zu der sie zurück kehren können, neigen dazu sich mit starken Überzeugungen zu verteidigen. Daher ist er bei den großen Antworten, die schon da waren bevor wir gekommen sind, besonders vorsichtig. Sie verschaffen sich gewaltsam Eintritt und wir akzeptieren sie, weil sie die Fragen vieler andere beantworten. Er bevorzugt Antworten, die seinen eigenen Fragen entsprungen sind. Sie  verletzen seine Fragen nicht und lassen sich ohne Probleme wieder entfernen.

Nach einigem hin und her kommen sie schließlich auf die Bedeutung hinter den Fragen und Antworten zu sprechen. Der Fragen sammelnde vermutet, dass es die Abwesenheit der Bedeutung ist, die allem die Chance lässt Bedeutung zu haben und dass alle Antworten zu besitzen sei wie nach dem Ende aller Bedeutung zu verlangen. Die Fragen, die meisten wert sind gefragt zu werden, seien nicht dazu da beantwortet zu werden, denn definitive Antworten auf solche Fragen würden uns unserer Freiheit berauben zu entscheiden was  wertvoll ist und was nicht und für diese Entscheidungen verantwortlich zu sein. Um unendliches Potential aufrecht zu erhalten, darf man niemals vollständig sein.

Der die Antworten sammelt, fühlt sich von diesen Ausführungen sehr angegriffen. Er fragt den anderen, ob diese Rede nur ein umständlicher Weg sei, ihm zu sagen, dass er Müll sammle. Bevor er Wut entbrannt verschwindet, stellt er seinem Gegenüber ein letzte Frage: „Wenn ‚wertlose‘ Antworten das einzige sind, das zu Handlungen führt, das einzige das Dinge geschehen macht, was ist die eigentliche Verwendung für deine geschätzten Fragen?“

Der die Fragen sammelt ist alles andere als von dieser Frage getroffen. Im Gegenteil er freut sich wieder eine Frage gefunden zu haben, die es wert ist aufbewahrt zu werden.

Ich finde die Anekdote interessant, weil sie einen dazu bringt, darüber nachzudenken, auf welche Weise wir unser Leben betrachten. Durch die beiden Protagonisten werden zwei Sichtweisen charakterisiert und man fühlt sich aufgefordert zu überlegen welcher man am ehesten zustimmt. Dabei ist das Thema der Unterhaltung so abstrakt und wage, dass sich noch nicht einmal eindeutig sagen lässt worum es bei ihr eigentlich ging. Vordergründig geht es um die Frage, ob man eher Fragen oder Antworten aufbewahren sollte. Da sich nicht ohne weiteres sagen lässt, was das Aufbewahren von Fragen bzw. Antworten konkret bedeuten soll, muss man überlegen welche Lebenseinstellung sich eigentlich dahinter verbirgt.

Beide Protagonisten stimmen darin überein, dass es die Antworten sind, die erst Handlungen und Entscheidungen ermöglichen. Mit Antworten sind also nicht Antworten aus dem Bereich des Wissens, Lösungen von Rätseln, sondern unsere Handlungsgründe gemeint. Das ist die Perspektive aus der ich die sehr vielschichtige Geschichte analysiere.

 Fragen aufzubewahren, heißt in diesem Kontext nichts anderes als sich die Möglichkeit offen zu halten, die gegebenen Antworten nochmal zu revidieren. Für diese Einstellung spricht, dass sie es erlaubt auf falsche Urteile zu reagieren und sich nochmal umzuentscheiden. Eine derartige Flexibilität muss aktiv aufrechterhalten werden. Der eine Protagonist berichtet von seinem Kampf gegen die großen Antworten, die sich ungefragt einschleichen könnten. Gemeint ist meines Erachtens die Konventionalität. Es ist einfach dem zuzustimmen, dass alle für wahr halten. Sich die Fragen aufzubewahren, läuft also darauf hinaus auch das scheinbar naheliegende zu hinterfragen. Daraus ergibt sich eine offene Haltung, die in der Schlusspointe sehr schön Illustriert wird. Selbst ein Angriff auf grundlegende Überzeugungen, wird nicht Gefahr wahrgenommen, sondern als eine Position, die ihre Berechtigung hat und berücksichtigt werden muss. Der Protagonist, der die Fragen aufbewahrt, erhebt ferner den Anspruch selbst zu entscheiden, was von Bedeutung ist und lässt sich hier keine Vorgaben machen. Geht also die Haltung sich alle Möglichkeiten offen zu halten, mit Selbstbestimmung einher?

Im Umkehrschluss heißt Antworten aufzubewahren, dass man an einmal getroffenen Entscheidungen festhält und an Glaubenssetzten auch dann festhält, wenn die Fakten zeitweise dagegen sprechen. Die Argumente die uns der Comic für diese Position gibt, sind leider etwas knapp. Der Protagonist der von dieser Position eingenommen ist, beansprucht wenig Redezeit, wird emotional und macht insgesamt keine gute Figur. Das wichtigste Argument wird in der letzen Frage nur angedeutet, aber nicht wirklich erklärt. „Wenn ‚wertlose‘ Antworten das einzige sind, das zu Handlungen führt, das einzige das Dinge geschehen macht, was ist die eigentliche Verwendung für deine geschätzten Fragen?“, In anderen Worten nur auf den Fragen zu beharren und nie eine Antwort zu geben, führt nur ins Nichts.

Man kann es sich nicht aussuchen keine Antworten zu sammeln.  Jeden Tag bietet das Leben unzählige Optionen, sich für bestimmte zu entscheiden heißt genauso sich gegen andere zu entscheiden, aber die einmal getroffene Entscheidung lässt sich nicht mehr revidieren. Wenn wir versuchen uns der endgültigen Entscheidung zu entziehen, läuft dass in vielen Fällen darauf hinaus unsere Chancen ungenutzt verstreichen zu lassen. Wenn wir uns nicht festlegen können welchen Beruf wir ergreifen, werden Jahre unseres Lebens ohne Weiterkommen an uns vorüberziehen. Wenn wir uns nicht entscheiden können wen wir heiraten, heißt das nie zu heiraten und nie eine Familie zu gründen. Wenn wir zu derartigen Entscheidungen nicht in der Lage sind, sind wir nicht selbstbestimmt, sondern werden von unseren Ängsten bestimmt, etwas zu verpassen.

Der eine Protagonist postuliert, dass um unendliches Potential aufrecht zu erhalten, man niemals vollständig sein dürfe. Die Tatsache ist jedoch, dass der Mensch kein unendliches Potential hat, er ist endlich. Wegen dieser Endlichkeit müssen wir unser Potential auch nutzen, bevor es verrinnt. Wenn ich also überlege welcher Haltung ich eher zustimme komme ich zu dem Schluss, dass Autonomie, Unkonventionalität und Reflexion zwar wichtige Tugenden sind, die das Leben lebenswerter machen, aber man sollte ihretwillen nicht die Augen vor der eignen Begrenztheit verschließen, sondern mit Mut auch endgültige Entscheidungen treffen.

Investmentartikel und Blogs

Februar 18, 2013

Heute habe ich einen meiner Artikel nicht hier sondern auf Stefans Simple Value Investing als Gastartikel veröffentlicht. In dem Artikel geht es weniger um die Freiheit der Gesellschaft und des Einzelnen sondern ganz bodenständig darum, wie man es auf kluge Weise schafft das eigene Vermögen zu mehren. Da ich den Schwerpunkt von Freiheit und Optimismus nicht verwässern will, habe ich mich entschieden, den Artikel andernorts unterzubringen. Für den Fall einige Leser Interesse an Investmentfragen haben, wurde die Blogroll um meine Lieblingsblogs aus dem Bereich erweitert. Es handelt sich neben den bereits erwähnten http://simple-value-investing.de um http://www.timschaefermedia.com/ und http://valueandopportunity.com/ Viel Vergnügen.

Mimi & Eunice

November 12, 2012

Ich habe kürzlich die Mimi & Eunice – Comics von Nina Paley kennen gelernt. Die sind nicht nur lehrreich und sympathisch, sondern dürfen darüber hinaus frei verwendet werden. Wenn es also einen passenden Comic-Strip für einen Artikel gibt, werde ich jeden neuen Artikel damit illustrieren.

Was hinter Weihnachten steht

Dezember 26, 2010

Weihnachten ist das Fest, das in der westlichen Gesellschaft den größten Stellenwert besitzt. Für kein anderes Fest werden derartige Vorbereitungen getroffen, kein anderes dominiert derart den Alltag und das schon in der Vorweihnachtszeit. Das seltsame daran ist, dass Weihnachten seine eigentliche Bedeutung aus einer christlichen Tradition bezieht die mit der zunehmenden Säkularisierung ihre Deutungshoheit verliert. Es stellt sich daher die Frage, ob die Menschen eigentlich noch Zugang zu dem haben, was hinter Weihnachten steht. Darum werde ich darlegen worin aus meiner Perspektive, der eines Atheisten mit starken christlichen Wurzeln, die Bedeutung des Weihnachtsfests besteht.

Das Bedürfnis nach Religion ist das Bedürfnis mit der Ordnung der Welt in Harmonie zu leben. Je nach religiöser Tradition unterscheiden sich die Vorstellungen darüber, was die Ordnung der Welt hervorbringt. In den östlichen Traditionen ist das das unpersönliche Dharma, in den westlichen ist die Ordnung der Welt eine Schöpfung Gottes. Es geht in den westlichen Religionen daher primär um die Beziehung zu Gott. Bei dem Versuch eine Beziehung zu Gott zu etablieren stoßen die Religionen auf ein unüberwindliches Hindernis, die Transzendenz.

Transzendent ist all das, was die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt. Unsere gesamt Wahrnehmungswelt ist auf das gerichtet, das ein Gegenstand der Welt ist. Jedes Objekt das wir erfassen ist notwendigerweise ein Teil der Welt. Aber die Macht, die die Welt erst gesetzt hat, kann selbst kein Gegenstand sein, der der Welt angehört. Wir können Gott mit unserer Wahrnehmung nicht fassen. Das ist das Problem an der jede Religion scheitern müsste. Meines Erachtens ist das Christentum die einzige Religion, die dieses Problem in seiner Radikalität annimmt und eine ebenso radikale Antwort darauf findet.

Die Antwort des Christentums besteht in dem Wunder das Gott Mensch geworden ist. Die Spanne zwischen Innenweltlichkeit und Transzendenz kann nicht vom Menschen überwunden werden, sie wird durch die Initiative Gottes überwunden. Diese Wunder ist schwer zu akzeptieren, es war den Griechen eine Torheit und den Juden ein Ärgernis, sprich es ist rational gesehen gänzlich unplausibel und widersprach der dagewesenen Orthodoxie, die sich vom Messias einen politischen Führer erhofft hatte.

Kierkegaard schaffte es meiner Meinung nach sehr gut die Ungeheuerlichkeit des Christentums zu verdeutlichen. Er verglich die Situation des Menschen mit der eines einfachen Bauern zu dem eines Tages der König selbst kommt und ihm verspricht ihn  zu seinem Erben zu machen. Für den einfachen Bauern ist das Ereignis so unwahrscheinlich, dass er es nicht zu glauben vermag.

Die Zuwendung des Erhabenen zum Niedrigen ist das eigentliche Thema des Christentums. Sie besteht nicht nur darin das Gott Mensch geworden ist. Jesus sagt zu seinen Gläubigen folgt mit nach. Das heißt der Christ ist dazu aufgerufen die Zuwendung des Erhabenen zum Niedrigen nachzuvollziehen. In der alltäglichen Praxis geschieht dies in der Nächstenliebe, die im Christentum einen besonders hohen Stellenwert hat. Aus dieser Perspektive ist es auch nur konsequent das Christus nicht als politischer Führer aufgetreten ist.

An Weihnachten feiern wir die Geburt Christi. Welche Bedeutung das für einen gläubigen Menschen haben muss, habe ich versucht in dem vorstehenden Beitrag deutlich zu machen. Diesen und allen anderen Lesern wünsche ich ein frohes Fest und besinnliche Tage.

Der Kindergarten strukturelle Gewalt

Mai 10, 2010

Nach den Morden in Athen frage ich mich immer wieder, warum Menschen, die vorgeblich für Solidarität eintreten, so enthemmt sein können, dass sie den Tod Unbeteiligter leichtfertig in Kauf nehmen. Auch diejenigen des linken Spektrums von den man erwarten kann die Morde an sich abzulehnen, scheinen sich mehr sorgen darum zu machen, dass er politische Gegner die Ereignisse instrumentalisieren könne, als das sie an einer Reflektion über sie bereit wären. (Siehe z.B. Indimedia.) Meines Erachtens spielt bei der Legitimation solcher Taten das Konstrukt strukturelle Gewalt eine entscheidende Rolle.

Linke bezeichnen etwas als strukturell, wenn es eigentlich nicht existiert, sondern erst durch intellektuelle  Taschenspielertricks konstruiert werden muss. Das meine ich nur halb so polemisch wie es klingt. Neben der strukturellen Gewalt, ist der strukturelle Antisemitismus eine nennenswerte Verwendung dieser Technik. Die Idee der strukturellen Gewalt geht auf Johan Galtung zurück, der versteht darunter die „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse  oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“ (zitiert nach Wikipedia). Eine solche Gewalt geht natürlich nicht von einzelnen Verantwortlichen aus, vielmehr seien es die gesellschaftlichen Systeme selbst aus der die strukturelle Gewalt hervorgehe. Dennoch gilt strukturelle Gewalt unter ihren Verfechtern als notwehrfähig.

Zwei Punkte halte ich für bemerkenswert. Einmal die Gefahr die von dem Konzept ausgeht, dann was es über die mentale Verfassung seiner Verfechter aussagt. Die Gefahr des Konzepts liegt auf der Hand: Es ist geeignet den Gewaltbegriff zu verwischen und echter Gewalt Vorschub zu leisten. Mehr noch das was die potentiell mögliche Bedürfnisbefriedigung ist und wie sie zu erreichen ist, ist gerade einer der zentralen Gegenstände der politischen Auseinandersetzung. Wenn man glaubt dass man bestimmen kann, was strukturelle Gewalt ist, muss man davon ausgehen, dass die eigenen Ansichten über die potentielle Bedürfnisbefriedigung mit Gewissheit richtig sind. Wer anderer Ansicht ist, vertritt nicht einfach nur eine andere Meinung, sondern trägt zur strukturellen Gewalt bei und daher ist gegen einen solchen  „Notwehr“ legitim. Gewalt wird so wieder zu Mittel des politischen Kampfes.

Um den zweiten Punkt zu erklären muss ich etwas weiter ausholen. Oberflächlich betrachtet haben die Befürworter der strukturellen Gewalt ein starkes Argument auf ihrer Seite. Das ist, dass insbesondere die dauerhafte Beeinträchtigung menschlicher Bedürfnisse zum Beispiel Diskriminierung oder latente Bedrohung einen Leidensdruck auslösen kann, der den einer tatsächlichen Gewalterfahrung übersteigt. Daraus könnte man dann ableiten, dass die Beeinträchtigung menschlicher Bedürfnisse eine ähnliche Qualität hat wie Gewalt. Die Schwäche des Arguments liegt darin, dass das Recht Gewaltverzicht einzufordern nicht aus dem Leidensdruck abgeleitet werden kann, sondern daraus das gewalttätiges Handeln nicht universalisierbar ist. Der Grund ist dass der Leidensdruck subjektiv ist und zum Teil vom Beeinträchtigten kontrolliert werden kann. Würde sich der Gewaltverzicht aus dem Leiden ableiten, könnte man durch taktisches Verhalten beliebige Forderungen  stellen. Das Konzept der strukturellen Gewalt verneint genau diesen Gedanken.

Wenn wir mit Beeinträchtigungen konfrontiert werden, ist die spontane Reaktion Wut. In der Regel unterdrücken wir dieses Gefühl, um die Situation klarer analysieren und zu einer Lösung kommen zu können. Das Konzept strukturelle Gewalt liefert für die Wut eine Rechtfertigung und verhindert so eine klare Analyse.  Die Folge ist, dass der Glaube an die strukturelle Gewalt dazu führt, auf Frustration mit Aggressivität zu reagieren. Statt nach Lösungen zu suchen, wie man Beeinträchtigungen selbst beheben kann oder mit ihnen zu leben wird versucht von Dritten ihre Beseitigung einzufordern. So verhalten sich Kinder. Das heißt natürlich nicht, dass zum Beispiel Diskriminierung kein ganz reales Problem sein kann, das außerhalb der Kontrolle der Betroffenen liegt. Aber das Konzept strukturelle Gewalt ist kein geeignetes Mittel, um gegen Diskriminierung vorzugehen, da sie Konflikte anheizt und Betroffenen ihre Handlungsperspektive nimmt.

Rand vs. Heisenberg – Teil I

März 10, 2010

Über L for Liberty bin ich auf ein Video aufmerksam geworden, in dem der Objektivist David Harriman sich mit der modernen Physik auseinander setzt. Die Thesen, die er hierbei entwickelt halte ich für so grundfalsch, dass ich mich genötigt sehe ihnen in diesen Beitrag entgegen zu treten. Für den interessierten Leser ist das eine Gelegenheit, Wissenswertes über die Quantenmechanik zu erfahren.

Seine Grundthese ist das die Physik wichtige Prinzipien verworfen hat, die eine wissenschaftliche Tätigkeit erst ermöglichen. Für ihn besteht Wissenschaft in dem Bemühen herauszufinden, was die Beschaffenheit der Welt (wörtlich: constitution of universe) ist. Schon diese Aussage ist nicht korrekt, aber zunächst weiter mit Harriman. Der Wissenschaft stellt er den Skeptizismus entgegen, der sich darauf beschränke Erscheinungen zu beschreiben. Wissenschaft beruhe nun auf der Annahme, dass es eine objektive Realität überhaupt gibt und das der Mensch fähig sei diese zu erkennen. Dies setzt voraus, dass die Art, wie wir Welt betrachten, diese nicht beeinflusst (Objektivität), dass jede Wirkung eine Ursache hat (Kausalität) und dass die Gesetze der Logik gelten. Harriman wirft der modernen Physik nun vor Objektivität, Kausalität und Logik zu negieren. Diese Negationen seien aber nicht, wie die Physiker behaupten, eine Konsequenz bestimmter Experimente, sondern eine Folge der Beeinflussung durch die Philosophie Kants. Die Experimente können auch auf alternative Weisen interpretiert werden, durch die das Fundament der Wissenschaft bewahrt werde.

Schon der Aussage „Wissenschaft besteht in dem Bemühen herauszufinden, was die Beschaffenheit des Universums ist“ würden die meisten Wissenschaftler widersprechen. Eine geeignetere Charakterisierung wäre „Wissenschaft versucht die Naturvorgänge durch allgemeine Gesetzte zu beschreiben“. Im Zentrum der Naturwissenschaft steht eben nicht das Erklären sondern Beschreiben. Dieses Beschreiben geht über eine bloße Datensammlung dadurch hinaus, dass sie durch allgemeinen Gesetzten erfolgen soll. Die Beschreibung für Vorgang A soll auch auf Vorgang B übertragbar sein. Die Frage der Beschaffenheit der Welt ist im Grunde keine Frage der Naturwissenschaft, sondern eine der Ontologie.

Der Grund dafür, dass in der Wissenschaft Beschreibungen allgemein sein sollen, ist das Sparsamkeitsprinzip, auch Ockhams Rasiermesser genannt: Von zwei Theorien mit der gleichen Aussagekraft ist die einfachere vorzuziehen. Eine Vielzahl von Theorien mit kleinem Gültigkeitsbereich ist komplexer als eine einzelne, die für sehr viele Phänomene gültig ist. Würde man Ockhams Rasiermesser nicht beachtet wäre die Konsequenz, dass man sich mit Problemen beschäftigt, die keine Relevanz für den eigentlichen Erkenntnisfortschritt haben. Die Beschäftigung mit solchen Problemen würde den Erkenntnisfortschritt behindern oder sogar zum Stillstand bringen. Meines Erachtens verstößt Harrimans Position gegen Ockhams Rasiermesser, aber dazu später mehr.

Auch an dem Versuch Harrimans zu zeigen, dass in der Physik Objektivität, Kausalität und Logik verletzt werden, wird deutlich, dass seine Wahrnehmung der modernen Physik einem Zerrbild unterliegt. Der Eindruck in der Physik sei die Objektivität nicht gewährleistet, wird durch die Auffassung der meisten Physiker hervorgerufen, dass eine Eigenschaft erst durch ihre Messung hergestellt wird. Der Grund für diese Auffassung ist die heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation, der zufolge gibt es Paare von Eigenschaften (präziser: Observablen), die nicht gleichzeitig genau bestimmt werden können. Solche Eigenschaften bezeichnet man als komplementär. Das bekannteste komplementäre Paar besteht aus Ort und Impuls. Interessant wird es, wenn man komplementäre Eigenschaften abwechselnd hintereinander misst.

Ein einfacheres Beispiel als Ort und Impuls ist der Spin, eine Art Drehimpuls. Er wird immer in Bezug auf eine bestimmte Richtung gemessen und kann nur zwei Werte annehmen: up und down. Die Eigenschaft die zu dem Spin einer bestimmten Richtung komplementär ist, ist der Spin einer dazu orthogonalen Richtung. Angenommen man misst man den Spin in Richtung der x-Achse eins Koordinatensystems und erhält Spin up, ist die Wahrscheinlichkeit für Spin up oder down in Richtung der y-Achse jeweils 50%. Liegt der Wert für die y-Richtung fest und messen wir wieder den für die x-Richtung erhalten wir nicht etwa das Ergebnis der vorhergehenden Messung also Spin up, sondern wir enthalten Spin up oder down entsprechend ihren Wahrscheinlichkeiten (hier jeweils 50%). Wie das Ergebnis der Messung ausfallen wird, kann man dem System nicht ansehen. Die große Debatte ist, ob es verborgene Parameter gibt die schon vor der Messung das Ergebnis festlegen, aber selbst nicht gemessen werden können. Da verborgene Parameter an der Physik nichts ändern gebietet meines Erachtens das Ockhamsche Rasiermesser auf sie zu verzichten. (Hat eigentlich jemand behauptet dieser Artikel wird einfach?)

Da die Eigeneschaften eines Objekts in der Standardquantenmechanik erst durch den Messprozess entstehen, spricht man auch davon, dass sie eine nicht-realistische Theorie sei. Nicht-realistisch meint, dass die Eigenschaften nicht unabhängig von der Messung vorliegen. Es stellt sich die Frage ob der Nicht-Realismus der Quantenmechanik mit dem wissenschaftlichen Realismus vereinbar ist. Dem wissenschaftlichen Realismus zufolge gibt es eine vom Denken unabhängige Wirklichkeit, die der Erkenntnis zugänglich ist. Die Standardquantenmechanik scheint dem wissenschaftlichen Realismus zu widersprechen, denn wenn die Eigenschaften eines Objekts Teil der Welt sind, wie kann dann die Welt vom Beobachter unabhängig sein? An einen Widerspruch der Quantenmechanik zum wissenschaftlichen Realismus glaube ich nicht wirklich. Wäre die Quantenmechanik mit ihm unvereinbar, würde sie tatsächlich gegen die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen. Es lässt sich jedoch auch mit Quantenmechanik hervorragend wissenschaftlich arbeiten. Ein Ausweg aus dem Dilemma scheint zu sein, dass die Eigenschaften eines Objekts nur dann als Teil der Welt zu betrachten sind, wenn sie durch eine Messung oder einer Messung ähnlichen Naturvorgang festgelegt werden. Die Werte die eine Eigenschaft annehmen kann oder besser gesagt deren Wahrscheinlichkeitsverteilung wird von dem quantenmechanischen Zustand des Objekts bestimmt. Dieser Zustand ist dem Beobachter zumindest indirekt zugänglich. Damit ist meines Erachtens der Widerspruch zwischen dem nicht-Realismus der Quantenmechanik und dem wissenschaftlichen Realismus aufgehoben. Die Quantenmechanik verstößt nicht notwendigerweise gegen die Objektivität.

Ob die Kausalität verletzt wird hängt natürlich, davon ab was man unter Kausalität versteht. Unter Physikern ist die Definition beliebt, dass ein System genau dann kausal ist, wenn seine Entwicklung nur von gegenwärtigen oder  vergangenen Werten abhängt. Die Quantenmechanik ist eine in diesem Sinne kausale Theorie. Die Entwicklung eines Zustands hängt nur von dem gegenwärtigen Zustand und dem Hamiltonoperator des Systems ab. (In diesem Kausalbegriff ist es natürlich müßig von der Ursache zu sprechen, die Gesamtheit des vorrangegangen Zustandes hat den gegenwärtigen verursacht. Einen Teil davon, der für uns besonders relevant ist, hervorzuheben und als Ursache zu bezeichnen, ist eine notgedrungene, hoffentlich zulässige Vereinfachung.) Harrimans Kausalitätsbegriff scheint davon abzuweichen und einem Determinismus zu entsprechen. Für ihn wäre ein System dann kausal, wenn seine Entwicklung durch die Gegenwart eindeutig festgelegt wäre. Was in der Quantenmechanik nicht der Fall ist (solange man auf die Viele-Welten-Deutung verzichtet), da in ihr nur Wahrscheinlichkeiten für verschiedene Ergebnisse festgelegt sind, nicht aber das Ergebnis selbst. Aber auch hier bin ich der Überzeugung, dass die nicht-deterministische Kausalität, der in der Quantenmechanik gewährleistet ist, ausreicht, um Wissenschaft zu ermöglichen.

Die Kausalität ist für die Wissenschaft notwendig, weil sie Induktionsschlüsse ermöglicht. Der Glaube an die Kausalität ist nichts anderes als die Annahme, dass sich die Natur unter gleichen Bedingungen gleich verhält. Diese Annahme ist die Grundvoraussetzung, um überhaupt Physik betreiben zu können. Nur wenn auf Ursache A zuverlässig Wirkung B folgt, lässt sich erkennen, dass zwischen A und B eine allgemeine Gesetzmäßigkeit besteht. Wäre der Zusammenhang zwischen A und B deterministisch d.h.  auf A folgt immer B, lässt sich diese Gesetzmäßigkeit sehr leicht bestätigen. Ist er hingegen nur probabilistischer Natur, wie die Aussagen der Quantenmechanik, muss mehr Aufwand getrieben werden. Der Zusammenhang lässt sich jedoch immer noch feststellen. Die Quantenmechanik ist also hinreichend Kausal, um Wissenschaft betreiben zu können.

Die Gesetzte der Logik sieht Harriman verletzt, weil in der Quantenmechanik angeblich Widersprüche zugelassen sein. Er spielt hier auf den Welle-Teilchen-Dualismus an. Er geht davon aus das sich das Wellen-Modell und das Teilchen-Modell ausschließen. Da in der Quantenmechanik ein Objekt sowohl Teilchen als auch Wellen Charakter haben kann, glaubt Harriman das ein Widerspruch vorliegt. Weitere Scheinwidersprüche ergeben sich daraus, dass sich in der Quantenmechanik verschiedene Zustände überlagern können. Aber zunächst zum Welle-Teilchen-Dualismus.

Wie der Name schon sagt handelt es sich bei dem Wellen- bzw. Teilchen-Modell um Vorstellungen, die nicht genau der Realität entsprechen müssen. Es kann sich herausstellen das weder das eine noch das andere Modell die Wirklichkeit adäquat beschreiben. Genau das ist geschehen.  Es hat sich gezeigt, dass es Situationen gibt, in denen das eine Modell gut mit den Experimenten übereinstimmt und andere für die das andere heranzuziehen ist. Keines der Modelle beschreibt die Natur als Ganzes, daher lässt sich auch schlecht von einem Widerspruch sprechen.

Auch die Überlagerung von verschieden Zuständen zu einem neuen ist kein Widerspruch. Wie sich ein Zustand darstellt, also auch ob er aus andern Zuständen zusammengesetzt ist oder nicht, hängt davon ab in welchen Koordinaten er abgebildet wird. Die Überlagerung von Zuständen ist genauso wenig ein Widerspruch, wie eine Bewegung in der Diagonalen, die ja nicht deshalb unmöglich ist, weil sich etwas nicht gleichzeitig horizontal und vertikal bewegen kann.

Harriman beendet seine Ausführungen zur modernen Physik mit einer Polemik gegen die Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie, die sich tatsächlich auf dem Niveau von Crackpots befindet und auf die ich nicht näher eingehen will. Er wendet sich daraufhin der Ursachenanalyse, mit der ich mich in einem zweiten Teil dieses Artikels auseinandersetzten werde.

Die Auswertung des Kabinettratespiels

Oktober 25, 2009

Vor vier Wochen habe ich dazu aufgerufen, die eigene politische Intuition auf die Probe zu stellen und Tips auf das Kabinett der kommenden Regierung abzugeben. Es sind drei Reaktionen eingegangen, weniger als erhofft, aber immerhin. Da das neue Kabinett seit gestern bekannt ist, gibt es nun die Auswertung. Dass sich er Zuschnitt des Kabinetts kaum verändert hat, ändert erleichtert natürlich die Auswertung. Das tatsächliche Kabinett sieht folgendermaßen aus:

CDU: 7 Ministerien

CSU: 3

FDP: 5

Außen – FDP – Gido Westerwelle

Inneres – CDU – Thomas de Maizière

Justiz – FDP – Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Finanzen –CDU – Wolfgang Schäuble

Wirtschaft und Technologie –FDP – Rainer Brüderle

Arbeit und Soziales –CDU – Josef Jung

Ernährung, Landwirtschat und Verbraucherschutze – CSU – Ilse Aigner

Verteidigung – CSU – Karl-Theodor zu Gutenberg

Frauen– CDU  – Ursula von der Leyen

Gesundheit – FDP – Philipp Rösler

Verkehr, Bau und Stadtentwicklung –CSU – Peter Ramsauer

Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit – CDU – Norbert Röttgen

Bildung und Forschung –  CDU – Annette Schavan

Entwicklungshilfe – FDP– Dirk Niebel

Bundeskanzleramt – CDU – Ronald Pofalla

Die Auswertung folgt diesem Schema: Tipgeber: Punkte für die Ministerienanzahl – Punkte für die Zuordnung der Parteien – Punkte für die Zuordnung der Personen (fünffache Punkte pro Treffer): Summe

Dirk Friedrich: 0 – 8 – 25: 33

RZ: 3 – 9 – 30: 42

Christian Söder: 3 – 9 – 25: 38

Meiner: 1 – 10 – 35: 46

Vielen Dank fürs Mitmachen an euch drei ich hoffe es hat euch gefallen. (Es ist ja sowieso klar, dass der gewinnt, der am Ende auszählt, wenn es um Politik geht.)