Die wahren Kosten der Inflation

Ein Thema das das Zeitgeschehen zumindest unterschwellig prägt ist die Frage, ob es zu einer Inflation kommen wird und welche Folgen sie haben wird. Zumeist stehen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen im Vordergrund. In meiner derzeitigen Abendlektüre „Masse und Macht“ von Elias Canetti bin ich auf ein sehr Interessantes Kapitel gestoßen. Canetti beschäftigt sich hier mit den psychischen Folgen der Inflation von 1923. Schenkt man den Ausführungen Canettis Glauben, muss man zu den Schluss kommen, das die psychologischen Kosten einer Hyperinflation beträchtlich sind und leicht die sozialen und wirtschaftlichen Kosten übersteigen können.

Canetti führt aus: “Was früher eine Mark war, heißt jetzt 10 000, dann 100 000, dann eine Million. Die Gleichsetzung des einzelnen Menschen mit seiner Mark ist dadurch unterbunden. Sie hat ihre Festigkeit und Grenze verloren, sie ist jeden Augenblick etwas anderes. (…) Der Mensch der ihr früher Vertraut hat kommt nicht umhin, ihre Erniedrigung als seine eigene zu empfinden. (…) der Mensch fühlt sich so schlecht wie das Geld, das immer schlechter wird; und alle zusammen sind diesem schlechten Gelde ausgeliefert und fühlen sich zusammen ebenso wertlos. “ (Elias Canetti: „Masse und Macht“ S. 217f.)

Laut Canetti ist der Wertverlust des Geldes unmittelbar mit der Demütigung derjenigen verbunden, die es verwenden. Canetti führt zwei Motive an die diesen Zusammenhang begründen. Das erste ist die der Verlust des Vermögens: „Der Prozess der Schatzbildung hat sich in sein Gegenteilverkehrt. (…)Es kommt nicht mehr dazu, es wird alles immer weniger, jeder Schatz verschwindet.“ (ebd.) Das zweite der Verlust der Verlässlichkeit des Geldes. Das diese Erlebnisse eine so schwere psychologische Wirkung haben können lässt sich meiner Meinung nach folgendermaßen erklären: Das Vermögensbildung ist für viele ein Teil ihrer Lebensplanung. Das Vermögen bietet Sicherheit in Zeiten des Umbruchs und Einkommen; um es zu erlangen sind Jahre der Disziplin erforderlich. Durch den plötzlichen Verlust des Vermögens erweisen sich die Mühen als vergebens. Damit entzieht sich dieser Teil der Lebensplanung auf einmal der Kontrolle. Das Ergebnis vor den man steht ist unabhängig von den eigenen Handlungen. Wie ich in einem früheren Artikel zur erlernten Hilflosigkeit dargelegt habe wecken solche Erlebnissen Zweifel an der Sinnhaftigkeit überhaupt zu handeln. Es ist daher plausibel, dass Inflation die Bevölkerung depressiv macht.

Die Wirkung, die der Verlust des Vermögens hat, ist leicht nachzuvollziehen wirkt jedoch nur auf bürgerliche Existenzen. Aber Inflation beeinträchtigt psychisch auch diejenigen, die nicht bewusst Vermögen bilden. Da in einer Hyperinflation das Geld seine Verlässlichkeit verliert, ist wirklich jeder von ihr betroffen. Das Einkommen, das zuvor eine Konstante war, ist nun abhängig von ständigen Neuverhandlungen. Wofür es diesen Monat reicht kann kein Mensch sagen, wofür nächsten noch weniger. Auf diese Weise geht die Fähigkeit verloren für die Zukunft zu planen. Man ist zum Spielball äußerer Mächte geworden. Es liegt auf der Hand, dass einen auch diese Situation Hilflosigkeit lehrt.

Canetti zufolge hat die psychische Situation der Bevölkerung in der Inflation auch politische Folgen: „Alle Massen, die sich in Inflationszeiten bilden (…) stehen unter dem Druck der entwerteten Million. So wenig man allein gilt, so wenig gilt man auch zusammen. Wenn die Millionen in die Höhe klettern, wird ein ganzes Volk, das aus Millionen besteht, zu nichts.“ (Canetti, S.218)

Die Menschen wissen, dass sie zum Spielball von Kräften geworden sind, die sie nicht kontrollieren können. Da Inflation immer auf politischen Entscheidungen beruht, ist sie eine Machtdemonstration des Staates gegenüber der Bevölkerung. Allerdings eine in der die Autoritäten ihre Verantwortung verleugnen. In der Inflation zeigt sich das demokratische Kontrolle nur eine Illusion ist. Da die ökonomische Bildung, die nötig ist um die Hintergründe der Inflation zu verstehen nicht sehr weit verbreitet ist, gelingt es der Politik die Schuld Sündenböcken in die Schuhe zu schieben. Sie kann ihre Entscheidungen treffen ohne Sanktionen durch Wähler oder ähnliche demokratische Kontrollmechanismen fürchten zu müssen. (Ähnlich verhält es sich mit allen Entscheidungen die von der Politik an sogenannte Experten delegiert wird.)

Die Inflation führt schließlich zu Spannungen und Ressentiments in der Bevölkerung: „Keine plötzliche Erniedrigung der Person wird je vergessen, sie ist zu schmerzlich. Man trägt sie ein Leben lang mit sich herum, es sei denn, man kann sie auf einen anderen werfen. Aber auch die Masse als solche vergißt ihre Entwertung nicht. (…) Als Objekt für diese Tendenz fand Hitler während der deutschen Inflation die Juden. (…) In der Behandlung der Juden hat der Nationalsozialismus den Prozeß der Inflation auf das genauste wiederholt. (…) Man hätte sie [die Deutschen] schwerlich so weit bringen können, wenn sie nicht wenige Jahre zuvor eine Inflation erlebt hätten, bei der die Mark bis auf ein Billionstel ihres Werts sank. Es ist die Inflation als Massenphänomen, die von ihnen auf die Juden abgewälzt wurde.“(Canetti, S.218ff.)

Canettis Argumentation mag spekulativ sein, aber wenn man bedenkt, dass die Politik darauf angewiesen ist, Sündenböcke zu präsentieren (früher die Juden heute Banker und Spekulanten), um von ihrer Verantwortung abzulenken, erhält der Zusammenhang zwischen Inflation und Genozid erhebliche Plausibilität.

Wie wir sehen gehen die Folgen der Inflation weit über das ökonomische hinaus. Selbst wenn wir darüber hinweg sehen, dass Inflation Genozide begünstigen kann, wirft sie weite Teile der Bevölkerung in einen Zustand der Unmündigkeit und beschädigt die Demokratie. Inflation bleibt ein Spiel mit dem Feuer, lassen wir die Politiker nicht damit davonkommen.

Literatur: Elias Canetti: „Masse und Macht“.

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2 Antworten to “Die wahren Kosten der Inflation”

  1. Fred Says:

    Die politische Linke steht ja der Inflation positiver gegenüber. Zum Einen weil sie (wohl fälschlicherweise) von einem negativen Tradeoff zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ausgeht und zum anderen weil sie in der Inflation eine Art „Strafsteuer“ für die Besitzer von Geldvemögen sieht.

    P.S. Ein Kompliment von mir für deine Blogeinträge. Die sind immer von ganz hoher Qualität. Hoffentlich kommen in Zukunft wieder mehr Einträge von dir.

  2. Robert Michel Says:

    Danke für das Kompliment, leider bin ich beruflich zur Zeit sehr angespannt und komme nur noch in unregelmäßigen Abständen zum Schreiben. Gerade was das Verhältnis der Linken zum Reichtum angeht, juckt es mich in den Fingern etwas zu schreiben.

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