Krieg, die offene Flanke des Libertarismus

Die komplexeste Form der Gewalt ist der Krieg. Carl von Clausewitz definierte ihn als Kampf, um den eigenen Willen durchzusetzen. Gemeint ist der Willen von Staaten.Doch das eigentümlich des Kriegs ist, das er das Recht außer Kraft setzten zu scheint. Man denke an die durch Bombardierung unschuldig zu Tode Gekommenen, deren Schicksal keine Strafverfolgung der Verantwortlichen nach sich zieht. Der Trick, der das Töten Unschuldiger rechtfertigt, ist der Kollektivismus. Ein feindseliger Akt ist keine Handlung des Individuums A gegen B sondern des Volks Alpha gegen Volk Beta. Praktisch sieht dies so, aus das innerhalb von Alpha das von A begangene Unrecht nicht geahndet wird, wenn dieses dazu dient Gewaltakte (ungeachtet dessen ob sie recht- oder unrechtmäßig sind) aus Beta auf Menschen und ihr Eigentum in Alpha zu unterbinden. Das eine Handlung von A gegen B stattfand wird als irrelevant betrachtet, sie geht in den aggregierten Handlungen aus Alpha in Beta hinein unter, so dass man vereinfachend davon spricht, dass Alpha und Beta selbst die Handelnden und Leidende sind.

Aus libertärer Sicht ist es natürlich Unsinn sich Völker als Subjekte vorzustellen. Ereignisse müssen mittels des methodischen Individualismus analysiert und entsprechend beurteilt werden. Diese Vorstellung kommt dem intuitiven Rechtsempfinden der meisten Menschen entgegen, die eben nicht bereit sind hinzunehmen, dass Unschuldigen Schaden zugefügt wird. Das intuitive Rechtsempfinden lässt sich nicht einfach als romantische Vorstellung abtun. Denn es war wirkmächtig und hat z.B. die Entwicklung des humanistischen Völkerrechts weitergetrieben. Eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist, wie die sinkende Toleranz gegenüber Kollateralschäden zeigt. Einen Abschluss wird sie wohl erst finden, wenn Krieg mit polizeilichen Mitteln geführt wird, wie es das libertäre Rechtsverständnis fordert. Doch spätestens hier geraten wir in einen Konflikt: Unter gleichstarken Parteien kann sich diejenige durchsetzen die schneller und rücksichtsloser agiert. Um es mit den Worten Clausewitz zu sagen:

Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt, so muß der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut. Dadurch gibt er dem anderen das Gesetz, und so steigern sich beide bis zum äußersten, ohne daß es andere Schranken gäbe als die der innewohnenden Gegengewichte.

Das Ziel schnell und rücksichtlos zu handeln, lässt sich nur verwirklichen, wenn wir die Komplexität unserer Wahrnehmung verringern. Der Methodischer Individualismus, auf dem unsere Rechtsauffassung beruht, steht dem entgegen. Wir sehen also dem Paradox gegenüber, dass es Situationen gibt, in denen die Verteidigung des Rechts nur gelingen kann, wenn man das Recht aufgibt.

6 Antworten to “Krieg, die offene Flanke des Libertarismus”

  1. Dirk F. Says:

    Der Bezug zu Clausewitz am Ende vermag in meinen Augen nicht zu tragen, denn die „gleichstarken Parteien“ sind im Rahmen seiner Aussage gemeint als Kollektive. Das Zitat setzt also bereits das kollektive Kriegsverständnis als Annahme voraus. Meiner Meinung nach ist es meine Aufgabe als Libertärer, dieses Verständnis zu ändern.

  2. Michel Says:

    @Dirk F: M.E. ist der Begriff Parteien unproblematisch, denn er sagt nichts anderes aus als, dass eine Gruppe von Menschen ihre Ressourcen gemeinsam nutzen, um ein einheitliches Ziel zu verfolgen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Menschen innerhalb der Gruppe noch andere Ziele verfolgen. Wenn solche Parteien erst existieren, und das sie es tun ist evident, gilt auch Clausewitz Analyse des Krieges. Die libertäre Kritik richtet sich meinem Verständnis nach gegen die Methoden zur Vereinheitlichung der Ziele. Das sind kollektivistische Propaganda und gewaltsamer Zwang. Dass es Menschen gibt, die sich für kollektivistische Ziele hingeben, müssen wir aber zunächst akzeptieren. Dass schiere Ausmaß an Mitteln die eine solchen Menschenmenge anwenden kann, wirft uns in das oben skizierte Dilemma.

    Es gibt einen schönen Film über einen Putschversuch gegen H. Chavez, der verdeutlicht vielleicht welche Bedeutung Vereinfachung in politischen Auseinandersetzungen haben. Wenn es den Kontraputschisten nicht gelungen wäre sich auf einheitliche Ziele, Geltung der Verfassung & Unterstützung der Regierung Chavez, zu verständigen, hätten sie zwangsläufig scheitern müssen.

    http://video.google.com/videoplay?docid=6646932769349258745 (1h Dauer)

  3. freiheitssplitter Says:

    Die Ausgangsthese ist ja schon falsch. Maximale Rücksichtslosigkeit ist eben nicht gesetzmäßig maximal erfolgreich.

  4. Robert Michel Says:

    Das behaupte ich ja auch nicht. Aber es kann die Effektivität des eigenen Handelns erhöhen, wenn man sich nicht mit den Fragen nach richtig und falsch auseinandersetzen muss. In einem Krieg kann das den Ausschlag geben und wenn man hinterher damit durch kommt ist man damit erfolgreich.

  5. freiheitssplitter Says:

    Verzicht auf Antizipation als Erfolgsfaktor? Wohl kaum.
    Selbst wenn man das nur auf die Moral (das Über-Ich) beziehen will, wieso soll das einen (positiven) Ausschlag geben können? Das ist weder anthropologisch, soziologisch, theologisch, praxeologisch und auch evolutionstheoretisch auch nur annehmbar. Mir scheint hier einfach eine morbide These sich selbst beweisen zu wollen.
    Der hier wirksame Effekt ist schlicht die Haftungsbegrenzung durch Anonymisierung im abstrahierten Kollektiv, wie im Beitrag ja auch bereits angeführt. So etwas fängt beim Begriff „Demos“ an und hört beim Krieg auf.
    Ein Phänomen, daß Gewissenlosigkeit eher zum Erfolg führt, ist in in keiner Weise evident. Es ist bloß eine Angst, die Menschen haben, wenn sie unzivilisierter Gewalt begegnen. Das wird als Naturausbruch erlebt, der ja oft überwältigend sein kann. Und wenn man dann die Natur (und ihre Gewalt) vergöttert (Pantheismus) mag man zu dem Schluß kommen, daß alles, was nach Ausbruch aus menschlichem-zivilem riecht, göttliches Maß hat.
    Tatsächlich ist das nicht so. Der menschgewordene eine Gott ist der Herr und er führt alles zum Heil. Es gibt eine Heilsgeschichte der Zivilisation. Der Mensch bezwingt Naturgewalten. Menschen können kooperativ Wunderbares, Heilsames und Gutes aufbauen. Volksverherrlichung, Gewalt und Zerstörung sind nicht alternativlos. Und sie sind auch noch nie auch nur halbwegs dauerhaft erfolgreich gewesen.

  6. Robert Michel Says:

    Den Gedanken dass es eine Heilsgeschichte der Zivilisation gibt teile ich. Aber ich glaube auch, dass Heuristiken verbreitet sind, die die Menschen dazu bringen die Zivilisation abzulehnen. Das ist der Grund warum ich in letzter Zeit an den Grünen abarbeite.

    Aber zurück zum Thema, vielleicht wird durch ein konkretes Beispiel klarer, warum der Verzicht auf Moral die Erfolgschancen im Krieg erhöhen kann: Würden die Israelische Armee keine Rücksicht auf palästinensische Zivilisten nehmen, könnte sie Angriffe aus dem Gazastreifen wirksamer unterbinden. Rücksichtslosigkeit eröffnet neue Handlungsoptionen, die dem Rücksichtsnehmenden nicht offen stehen. Das kann den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.

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