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Berufswahl und Oberflächlichkeit

Januar 18, 2013

Es gibt eine bestimmte linke Überzeugung mit der ich mich schon länger auseinandersetzten wollte, sie kommt in einer Überheblichkeit dem Normalen gegenüber zum Ausdruck. Eine gute Gelegenheit für eine Kritik hat mir der Gastbeitrag von Ariadne von Schirach Risiko Zombie oder warum es sich lohnt, das Leben zu wagen (1) auf dem Blicklog ergeben. Von Schirachs Argumente sind nicht gerade neu, aber sie haben immerhin den Vorteil besonders eloquent vorgetragen zu werden.

Von Schirach entwickelt ihre Argumentation anhand einer Charakterisierung eines 19-jährigen Abiturienten. Der Abiturient K. (mehr erfahren wir nicht über seinen Namen) hat vor Jura zu studieren,  gutes Geld zu verdienen und wenn sich die Möglichkeit ergibt berühmt zu werden. Es sind sicher keinen außergewöhnlichen Wünsche, sie sind weder überzogenen noch defätistisch. Und der Plan sie zu verwirklichen klingt vernünftig. Wie reagiert von Schirach auf sie?

„Der Weg zum Beruf ist nicht der Weg zu sich. Dass diese beiden Dinge sich so unheilig vermischen, ist der Marktwerdung des Menschen geschuldet, dessen Wert nur noch in seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit zu bestehen scheint.“

Soll man also nicht davon ausgehen, dass die Frage welchen Beruf man ergreifen will, die Frage ist, die einen Schulabgänger am meisten beschäftigt? Wäre es nicht gerade fahrlässig, wenn es anders wäre? Entweder von Schirach hat den Aufhänger ihres Essays besondere unachtsam ausgewählt oder ihr fehlt es an Empathie. Aber auch davon abgesehen liegt von Schirach falsch. Es gibt natürlich einen engen Zusammenhang von Berufswahl und Persönlichkeit. Welchen Beruf wir ergreifen ist ein Ausdruck unserer Selbstentfaltung. Die Erfahrungen, die wir während unserer Ausbildung machen, werden uns für immer prägen. Und nicht zuletzt ziehen bestimmte Berufe bestimmte Menschen an. Der Charakter von Juristen, Politologen oder Physikern ähnelt sich untereinander stärker als der von Studenten im Allgemeinen. Es stimmt zwar auch das unsere Persönlichkeit weitaus mehr umfasst als nur unseren Beruf, aber von Schirach sieht jede Art von Identifikation über den Beruf als „unheilig“ an.

Von Schirach scheint die Berufswahl allein unter dem materiellen Aspekt zu sehen. Dass sie für die meisten Menschen eine persönlichere Bedeutung hat übersieht sie entweder oder blendet es damit sich ein runderer Text ergibt. Aber damit führt auch der zweite Teil des zitierten Abschnitts in die Irre, die hohe Bedeutung der Berufswahl liegt weder an der „Marktwerdung des Menschen“ noch seiner „wirtschaftlichen Verwertbarkeit“. Man kann ihr bestenfalls soweit folgen, dass die Berufswahl nicht unter materiellen Aspekten gefällt werden sollten. Dazu unten mehr.

Weiter schildert von Schirach Ks Motive folgendermaßen: Er sei darauf fixiert seinen Marktwert zu bestimmen, möchte ein Winner werden, suche nach Sicherheit und Souveränität. Dabei sei ihm bewusst, dass „weder Geld noch Erfolg dieses Versprechen einlösen können das Versprechen nämlich, Herr seines Lebens zu sein, es zu meistern“

Für von Schirach stellen diese Motive eine Gleichzeitigkeit von „totalem Konformismus und ebenso totalem Glauben an die eigene Unbestechlichkeit“ dar, dies sei ihr zu Folge die moderne Form von Adornos Verblendungszusammenhang. Man kann nicht abstreiten, dass es einen Widerspruch zwischen K. Verhalten und seinen Verlautbarungen gibt. Wenn sein Handeln nicht seinem Ziel dient Sicherheit und Souveränität zu erlangen dient, warum handelt er dann in dieser Weise?

Ich denke nicht, dass der Mensch ein reines Verstandeswesen ist, er ist in viel höheren Maße ein Instinktwesen. Zu seinen Instinkten gehört auch nicht allzu sehr von der Masse abzuweichen. Allerdings hat dieser Instinkt auch sein Gutes. Auch wenn die Masse selten zu einem guten Ergebnis kommt, kommt sie doch aus selten zu einem katastrophal schlechten. Wer sich gegen die Masse stellt sollte sehr genau wissen was er tut. K. verhält sich so wie sich die meisten in seiner Situation verhalten und wählt ein Studium. Für die einen ist das ein Verblendungszusammenhang, für die anderen ein simples Abwägen zwischen Sicherheit und Chancen.

Von Schirach geht von einer überraschenden Passivität aus. Sie schreibt von einer „Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sich irgendwann fast ohne eigenes Zutun ereignen wird“ oder von der Bereitschaft, sich dem Marktgeschehen zu überlassen. Hier kommt ihre Unfähigkeit zum Ausdruck, die Freiheit wo anderes zu entdecken als im kollektiven Handeln. Dies ist eine viel gefährlichere Lüge als alles was sie dem Kapitalismus andichtet. Es ist die Illusion im Hier und Jetzt keine Kontrolle über unser Leben zu haben, sondern diese Kontrolle einzig und allein durch einen kollektiven Akt der Auflehnung gegen das Bestehende erreichen zu können. Die Illusion keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben mache ich dafür verantwortlich, dass viele ihre eigentlichen Chancen übersehen. Der Grund dafür, dass Linke überdurchschnittlich oft unter Depression oder Angstzuständen leiden, ist meines Erachtens das ihr Weltbild sie in diesem Irrglauben noch bestärkt.

Trotz aller antikapitalistischer Ressentiment schafft es von Schirach schließlich doch etwas sinnvolles zu schreiben: „Damit folgt er der allersimpelsten kapitalistischen Logik, einer Logik der „Kaufbarkeit“, die verspricht, einen inneren Zustand durch äußere Objekte zu ersetzen: Meine Bücherwand ist für mich gebildet, meine Kleidung hat für mich Geschmack, mein Wagen ist für mich sportlich. Diese fatale Verschiebung wird begleitet von der
Vorstellung, es sei jederzeit möglich, ein Schnäppchen zu machen, also etwas Kostbares für den Bruchteil seines Wertes zu bekommen. Souveränität nun, oder auch Charakter, Persönlichkeit, Eigenständigkeit gehören zum wertvollsten Besitz eines Menschen und müssen – wie alles von Wert – mühsam erworben werden. Dieser Erwerb ist innere, seelische Arbeit, ist ein Aussetzen
und Aushalten und Annehmen.“

Was so antikapitalistisch daherkommt hat mit Kapitalismus wenig zu tun, sondern ist eine Kritik an materialistischem Denken. Diese Kritik teile ich. Das von Schirach eigentlich den Materialismus kritisiert konnte man schon an vorhergehenden Textstellen ahnen: Den Wert des Menschen nur noch in seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit zu bemessen, ist nicht Kapitalismus sondern Materialismus. Im Etatismus werden Menschen noch sehr viel mehr auf ihren wirtschaftlichen Wert beschränkt, weil dort der Mensch sehr viel mehr angeblich höheren Zwecken (z.B. Vaterland und Rente) untergeordnet wird. Den Kapitalismus eine  Logik der „Kaufbarkeit“ zu unterstellen, heißt nichts anderes als eine Karikatur von ihm zu zeichnen.

Was von Schirach übersieht, ist das man nicht dem Materialismus verfallen sein muss, um vom Kapitalismus zu profitieren. Von Schirach glaubt offensichtlich, dass es die dominierenden Verhaltensweisen die Menschen um ihre Chancen beraubt. So schreibt sie von der ausgebeuteten Jugend oder „Es gibt keine Ausnahmen. Und nur der Glaube jedes Einzelnen, die Ausnahme zu sein, hält das System am laufen.“ Sie übersieht, dass der Markt die Realitäten mit denen wir zu leben haben nur abbildet, aber nicht selbst hervorbringt. Wir können nicht in allen Lebensbereichen gleichermaßen glänzen, dafür reichen unsere zeitlichen und mentalen Ressourcen nicht aus. Wir müssen also den Preis zahlen in bestimmten Bereichen zu versagen, um in anderen Erfolgen zu haben. Wenn wir uns dessen bewusst sind, ist der Misserfolg in einem Bereich nur der Preis für den Erfolg in einem anderen. Sein Leben auch im Hinblick auf die eigene Unvollkommenheit zu gestalten ist Freiheit. Dazu ist es nötig zwischen Alternativen wählen zu können und sich Alternativen sogar selbst schaffen zu können. Kapitalismus ist nichts anderes als die Möglichkeit der Wahl im wirtschaftlichen Bereich. Aber auf dem Markt wirken die Konsequenzen unserer Entscheidungen, ihre Kosten unmittelbar auf uns zurück. Gerade weil der Markt auf brutale Weise ehrlich ist, ermöglich er dem Einzelnen die Freiheit.

Was ist also die typisch linke Einstellung die ich in von Schirachs Artikel kritisiere? Es ist der Versuch die Verantwortung für sein Glück dem Einzelnen zu entreißen und sie dem Gesellschaftlichen zu überantworten. Diese Einstellung ist durchaus militant, denn sie geht mit einer Verachtung gegenüber allen einher, die es wagen ihr Glück in der Gestaltung des eigen Lebens zu suchen und sich damit der Vergesellschaftlichung widersetzen.

Eine Auseinandersetzung mit der „Dialektik der Aufklärung“

Oktober 14, 2009

Es dürfte kein Buch geben das die Linke Weltanschauung im 20 Jahrhundert stärker geprägt hat als „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno (oft Horkdorno genannt). Wer sich ernsthaft mit Linker Ideologie auseinandersetzen und nicht nur Polemik betreiben will, kommt nicht darum auch dieses Buch zu lesen.

Das Buch erschien 1944, aber bei seiner Entstehung war laut dem Vorwort von 1969 die Niederlage des National-Sozialismus schon absehbar. Es besteht aus sechs Kapiteln, von denen die ersten drei sich dem Verhältnis von Aufklärung und Mythos widmen, im vierten die Kulturindustrie analysiert wird und im fünften die Ideengeschichte und Ursachen des Antisemitismus. Das Sechste Kapitel ist eine Sammlung kleinerer Aufsätze, zu verschiedenen Themen. Wie sich in diesen Fakten schon andeutet ist es das Thema der Texte die Ursachen des National-Sozialismus oder allgemeiner gesprochen des Rückfalls in die Barbarei zu beleuchten. Der Rote Faden, der sich durch die verschiedenen Kapitel zieht, ist der unausgesprochene Gedanke, dass Aufklärung mit Herrschaft einhergeht und daher in Totalitarismus umschlagen muss, der aber Gegenaufklärung darstellt.

Das klingt vielversprechend, dennoch ist die DdA weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben. Das fängt schon am Aufbau an. Von einem philosophischen Text erwartet man eigentlich, dass die Argumentation bereits eine Struktur vorgibt, stattdessen handelt es sich bei der DdA um eine Aneinanderreihung von Beobachtungen. Man würde es dem Text nicht anmerken wenn Ausschnitte in ihrer Reihenfolge vertauscht würden. Argumentiert wird selten, entweder der jeweilige Gedanke kommt dem Leser plausibel vor oder eben nicht.

Beispielsweise wird im ersten Kapitel die These entwickelt: „schon der Mythos ist Aufklärung“ und „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“. Eigentlich sollte man meinen, dass ein Aufsatz zu dem Thema mit den Definitionen von Aufklärung und Mythos beginnen. Nicht so Horkdorno das Kapitel beginnt mit der Zuschreibung: „Seit je hat Aufklärung (…) das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“  (S. 8). Auf den folgenden Seiten wird dann immer wieder darüber berichtet wie der Mythos aus der Perspektive der Aufklärung wirkt. Das erste was wir über den Mythos selbst erfahren ist: „Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären“ (S.14). Es handelt sich beides Mal nicht um eine Definition des Gegenstands, sondern nur um Beischreibungen einzelner Elemente. Das eigentlich spezifische der Aufklärung, das ihre Aussagen nachprüfbar sein sollen, wird auf diese Weise ausgeblendet.

Auch die Beobachtungen die Horkdorno zugunsten des Gedanken anführen, dass Aufklärung mit Herrschaft einhergeht können nicht überzeugen. Ein zentraler Gedanke ist etwa das schon Deduktion ein Produkt von Herrschaftsverhältnissen ist: „Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Hierarchie und Zwang. Wie die ersten Kategorien den organisierten Stamm und seine Macht über den Einzelnen repräsentieren, gründet die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit, der Arbeitsteilung.“ (S.27 f.) Starke Aussage, hätte ich gerne begründet. Darauf verzichtet Horkdorno jedoch. Pech, ich glaub dir nicht Horkdorno, Deduktion ist unabhängig von der Gesellschaft. Andererseits wird in dieser Aussage deutlich, wofür ich die gesamte DdA halte; sie ist eine marxistische Basis-Überbau-Theorie der Erkenntnis.

Um die unausgesprochene These, Aufklärung geht mit Herrschaft einhergeht, zu erhärten muss nicht nur Deduktion als Produkt der Herrschaft dargestellt werden, Wissenschaft und damit Aufklärung muss auch auf Deduktion reduziert werden. Es kann daher nicht wundern folgende Sätze zu finden: „Denken ist im Sinn der Aufklärung die Herstellung von einheitlicher, wissenschaftlicher Ordnung und die Ableitung von Tatsachenerkenntnis aus Prinzipien, mögen diese als willkürlich gesetzte Axiome, eingeborene Ideen oder höchste Abstraktionen gedeutet werden.“ (S.88) Hier wird deutlich, dass Horkdorno den naturwissenschaftlichen Betrieb nicht kennt. Denn die Tatsachenerkenntnis besteht in der Praxis eben nicht darin Sonderfälle aus Prinzipien herzuleiten, sondern darin die höheren Prinzipien erst zu finden, durch Induktion. Sie sind nicht willkürlich wie Horkdorno meint, sonder müssen selbst den Test an der Realität bestehen. Sogar in der Mathematik besteht ein Großteil der Arbeit nur nicht darin Theoreme aus Axiomen herzuleiten, sondern darin geeignete Fragestellungen und Definition zu finden mit der sich ein bestimmter Gegenstand untersuchen lässt. Das ist keine rein technische Übung, sondern erfordert ein hohes Maß an Intuition. Ein Beispiel dafür wäre der Übergang vom Riemann zum Lesbesgue-Integral, nachdem sich gezeigt hat, dass man mit dem Riemannintegral kaum Zugang zu mehrdimensionalen Integralen finden kann.

Die These das obersten Prinzipen willkürlich wären bereitet das vor, was ich für das zentrale Argument in der DdA halte, die Auffassung Aufklärung führe zur Amoralität: „Die Morallehren der Aufklärung zeugen von dem hoffnungslosen Streben, an Stelle der geschwächten Religion einen intellektuellen Grund dafür zu finden, in der Gesellschaft auszuhalten, wenn das Interesse versagt.“ (S.92) Horkdorno zufolge sind diese Moralbegründungen zum Scheitern verurteilt, weil sie hinter die Aufklärung zurückfallen würden: „Der Bürger, der aus dem kantischen Motiv der Achtung vor der bloßen Form des Gesetztes allein einen Gewinn sich entgehen ließe, wäre nicht aufgeklärt, sondern abergläubisch – ein Narr.“ (S. 92) Die Grundlage für diese Einschätzung ist ein pessimistisches Menschenbild: „Das Werk des Marquis de Sade zeigt den » Verstand ohne Leitung eines anderen «, das heißt, das von Bevormundung befreite bürgerliche Subjekt.“ (Das Werk des Marquis de Sade schildert sexuelle Ausschweifungen und propagiert das Recht des Stärkeren.)

Ich teile Horkdornos pessimistisches Menschenbild nicht, meiner Erfahrung nach werden Menschen von mehr geleitet als dem materiellen Vorteil und den Bedürfnis nach sexueller Ausschweifung. (Z.B. pflegen sie ihre Eitelkeit, indem sie ihre Gedanken in einem Blog heraus posaunen.) Selbst wenn ich diesen Verhalten nicht nachvollziehen könnte, müsste ich dennoch davon ausgehen, dass sie ihre Gründe dafür haben; das fordert meine liberale Einstellung. Mangelnder Bezug zur Realität ist nicht die einzige Beanstandung dem sich die Kritik der Aufklärung als moralzersetzend aussetzen muss.  Problematisch ist auch das es keine Basis geben kann von der aus diese Kritik geübt werden kann, außer Dogmatismus: Entweder ist Moral ist unvernünftig, dann kann es kein vernünftiges Argument gegen die Aufklärung sein sie zu verwerfen oder meine Variante Moral ist es aus Gründen, die wir nicht zu kennen brauchen, nicht, auch dann fällt das Argument in sich zusammen. Letzten Endes ist Horkdornos Kritik nicht ganz aufrichtig, er übergeht, dass es die Forderung ist, dass Aussagen  nachvollziehbar sein müssen, die dazu führt die Moral in  Frage zu stellen. Aufklärung stellt nicht nur Moral in Frage, sonder fordert aus den gleichen Gründen auch, dass sich Herrschaft legitimieren soll. Das verschweigt Horkdorno wohlweislich, da es dem Grundtenor des Buches, Aufklärung ginge mit Herrschaft einher, wiederspricht.

An dem Abschnitt über die Amoralität der Aufklärung überrascht wie nah die linken Vordenker konservativen Gedanken stehen. Ihr Menschenbild ist nicht von der Idee geprägt, dass Menschen grundsätzlich zum kooperativen Zusammenleben fähig sind, sondern von einem Misstrauen gegenüber dem ungezähmten Menschen. Es gibt ein weiteres Element das dem Konservativismus entnommen sein könnte: die ablehnende Haltung gegenüber systematischen Denken. Dass ein Exemplar wissenschaftlich als Repräsentant einer Gattung gilt, die Einheit von Besonderen und Abstraktem, wie Horkdorno es ausdrückt, gilt den Autoren schon als kritikwürdig. Im konservativen Denken gibt es keine systematischen Zusammenhänge, jedes Phänomen könne nur in seinem singulären Kontext verstanden werden. Horkdorno scheint diesen Gedanken zu übernehmen, für ihn erscheint daher eine Wissenschaft, die die Welt in Typen unterteilt, als Lüge. Eine List durch die die das Bestehende aufrecht erhalten kann. „Die Herrschenden selbst glauben an keine objektive Notwendigkeit, wenn sie zuweilen so nennen, was sie aushecken. Sie spielen sich als die Ingenieure der Weltgeschichte auf. Nur die Beherrschten nehmen die Entwicklung, die sie mit jeder dekretierten Steigerung der Lebenshaltung um einen Grad ohnmächtiger macht, als unantastbar notwendig hin.“(S. 44 f.) und „Der mythische wissenschaftliche Respekt der Völker vor dem Gegebenen, das sie doch immerzu schaffen, wird schließlich selbst zur positiven Tatsache, zur Zwingburg, der gegenüber noch die revolutionäre Phantasie sich als Utopismus vor sich selber schämt und zum fügsamen Vertrauen auf die objektive Tendenz der Geschichte entartet.“

Die konservative Haltung, dass es keine Systematischen Zusammenhänge gibt, ist stichhaltiger als es den Anschein hat. Um die Konservativen zu widerlegen, ist es notwendig zu zeigen, dass Induktionsschlüsse möglich sind. In der Philosophie wird dies das Induktionsproblem genannt. Man kann zwar aus den bisherigen Erfolg der Wissenschaften, die mit Induktion arbeiten, auf die Gültigkeit der Induktion schließen, das wäre jedoch selbst ein Induktionsschluss.

In der historischen Perspektive ist  Horkdorno Methode konservatives Denken für Linke nutzbar zu machen konsequent. Der Marxismus, der linkes Denken im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. beherrscht hat, lief auf extrem technokratische Ansätze (Planwirtschaft) hinaus. Um das absehbare (zu der Zeit erst mal nur moralische) Scheitern der Technokratie zu überleben musste sich linkes Denken sich von seiner technokratischen Variante lösen: „In dem er [der Sozialismus] für alle Zukunft die Notwendigkeit zur Basis erhob und den Geist auf gut idealistisch zur höchsten Spitze depravierte, hielt er das Erbe der bürgerlichen Philosophie allzu krampfhaft fest. So bliebe das Verhältnis der Notwendigkeit zum Reich der Freiheit bloß quantitativ, mechanisch, und Natur, als ganz fremd gesetzt, wie in der ersten Mythologie, würde totalitär und absorbierte die Freiheit samt dem Sozialismus.“ (S. 47) Die Linke erhebt nun die Utopie zur Basis, sodass jeder, der systematische Zusammenhänge behauptet (Salonmarxologen ausgenommen) als präfaschistisch gilt.

Alle Seitenzahlen beziehen sich auf die deutsche Neuausgabe von 1969, 17. Auflage.

Eine Gemeinsame Veröffentlichung von Freiheit und Optimismus und Die Freie Welt.