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Erlernte Hilflosigkeit

Juni 9, 2010

Menschen sind in unterschiedlichem Ausmaß fähig ihren Alltag zu meistern und ihr eigenes Leben zu gestalten. Ansätze das zu erklären gibt es viele, einen der vielversprechendsten wurde vom Psychologen Martin Seligman erarbeitet und ist unter dem Namen erlernte Hilflosigkeit bekannt geworden. Das Konzept beruht auf der Fähigkeit vieler Lebewesen die verschiedenste Dinge zu erlernen. Sie lehren wie ihre Aktionen die Wahrscheinlichkeit beeinflusst, dass bestimmte Konsequenzen eintreten, aber auch dass das Unterlassen von Handlungen Konsequenzen hat. Die Theorie Seligmans war, dass auch erlernt werden kann, dass die Umwelt von den Handlungen unbeeinflusst bleibt, diese Erfahrung auf andere Handlungen verallgemeinert und so die Motivation überhaupt zu handeln zerstört wird.

In unterschiedlichen Versuchen an Tieren und Menschen wurde diese These geprüft, indem die Versuchslebewesen unkontrollierbaren Reizen (z.B. Stromstöße) ausgesetzt und dann ihre Fähigkeit kontrollierbare Reize zu vermeiden überprüft wurde. Versuchslebewesen, die den unkontrollierbaren Reizen ausgesetzt waren, lernten deutlich schlechter als andere kontrollierbare Reize zu vermeiden. Zum Teil verhielten sie sich ausgesprochen lethargisch und bewegten sich überhaupt nicht.

Natürlich gibt es Faktoren, die die Erfahrung der Hilflosigkeit begrenzen, denn ansonsten würden Ereignisse, die wir nicht kontrollieren können aber unseren Alltag bestimmen, uns in die Hilflosigkeit treiben. Seligman selbst nannte drei Faktoren, die der Hilflosigkeit entgegenwirken, inkompatible Erwartungen, diskriminative Kontrolle und die relative Bedeutung der Konsequenzen.

Inkompatible Erwartungen bilden sich, wenn man lernt, eine Situation kontrollieren zu können. Diese Erwartungen wird man auch dann aufrecht erhalten, wenn die Situation zwischenzeitlich unkontrollierbar geworden ist. Sie sind eine Art Immunisierung gegen Hilflosigkeit.

Diskriminative Kontrolle meint, dass die Art der Situation in der man sich befindet von anderen unterscheidet und die Erfahrung der Hilflosigkeit nur auf bestimmte Situationen bezogen wird. Seligman berichtet von einem Experiment, dass an Schulkindern ausgeführt wurde. Ein Lehrer stellte den Kindern erst unlösbare und dann lösbare Aufgaben, sie waren nicht fähig bei diesem Lehrer die lösbaren zu bewältigen. Stellte ein anderer Lehrer identische Aufgaben lösten die Kinder diese rasch.

Auch die relative Bedeutung der Konsequenzen spielt eine Rolle. Die Erfahrung von Hilflosigkeit in einer irrelevanten Situation  wird keinen Einfluss auf die Handlungsfähigkeit in subjektiv bedeutsamen haben. Umgekehrt jedoch wird die Erfahrung von Hilflosigkeit in bedeutsame Erfahrung auch in irrelevanten Situationen Hilflosigkeit hervorrufen.

Interessanter Weise tritt Hilflosigkeit auch dann ein, wenn die für einen relevante positive Ereignisse ohne eigenes Zutun eintreten. Das erklärt, warum der goldene Käfig die meisten ins Unglück stürzt. Es kann besser sein zu scheitern, als niemals die Möglichkeit zu scheitern gehabt zu haben.

Ich  halte das Konzept der erlernten Hilflosigkeit daher für interessant, weil es uns dazu zwingt, unser Menschenbild zu überdenken. Das Nachdenken über den Mensch war von der Vorstellung geprägt, dass wir unser Handeln an rationalen Überlegungen ausrichten. Die Schlüsse Seligmans zeigen hingegen, dass das Handeln eher das Resultat verallgemeinerter Erfahrung ist. Wir handeln intuitiv, nicht rational. Auch die experimentelle Ökonomie deutet in diese Richtung. Wenn wir unser Menschenbild überdenken, muss das natürlich auch Auswirkung auf unsere politischen Überzeugungen haben.

Der Liberalismus kann den mündigen Bürger nicht einfach voraussetzen. Mündigkeit ist ein Anspruch, keine Tatsache. Entzieht man den Menschen die Möglichkeiten über das für sie relevante zu bestimmen, wird sich Passivität und Lethargie breit machen.

Die Technokratie kann die Gesellschaft nur dann planen, wenn sie weiß wie sich die Menschen verhalten werden. Das Paradigma des auf Anreize rational reagierenden Nutzenmaximierers war ihr lange Zeit das Leitbild dazu. Nun zeigt sich, dass man nicht davon ausgehen kann, dass Menschen rational reagieren und dass technokratische Planungsphantasien nicht zuletzt daran scheitern müssen.

Am härtesten wird jedoch die Weltanschauung der Linken getroffen. Ihre Überzeugung war es, dass die Gesellschaft den unterschiedlichen Erfolg der Menschen ausgleichen soll. Was der Einzelne erreichen kann, soll nicht von seinen Fähigkeiten und Entscheidungen abhängen, sondern vom gesellschaftlichen Konsens. Ihr Konzept zielt darauf ab, den Menschen die Kontrolle über das allerrelevanteste zu entziehen, ihren Lebenswandel. (Auch Konservative tendieren dazu den Menschen einen bestimmten Lebenswandel zu oktroyieren.) Wird es umgesetzt werden die Menschen den Mut verlieren ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Betrachtet man diese Welt drängt sich einem die Frage auf, ob dieser Prozess nicht schon weit fortgeschritten ist.

Eine Auseinandersetzung mit der „Dialektik der Aufklärung“

Oktober 14, 2009

Es dürfte kein Buch geben das die Linke Weltanschauung im 20 Jahrhundert stärker geprägt hat als „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno (oft Horkdorno genannt). Wer sich ernsthaft mit Linker Ideologie auseinandersetzen und nicht nur Polemik betreiben will, kommt nicht darum auch dieses Buch zu lesen.

Das Buch erschien 1944, aber bei seiner Entstehung war laut dem Vorwort von 1969 die Niederlage des National-Sozialismus schon absehbar. Es besteht aus sechs Kapiteln, von denen die ersten drei sich dem Verhältnis von Aufklärung und Mythos widmen, im vierten die Kulturindustrie analysiert wird und im fünften die Ideengeschichte und Ursachen des Antisemitismus. Das Sechste Kapitel ist eine Sammlung kleinerer Aufsätze, zu verschiedenen Themen. Wie sich in diesen Fakten schon andeutet ist es das Thema der Texte die Ursachen des National-Sozialismus oder allgemeiner gesprochen des Rückfalls in die Barbarei zu beleuchten. Der Rote Faden, der sich durch die verschiedenen Kapitel zieht, ist der unausgesprochene Gedanke, dass Aufklärung mit Herrschaft einhergeht und daher in Totalitarismus umschlagen muss, der aber Gegenaufklärung darstellt.

Das klingt vielversprechend, dennoch ist die DdA weit hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben. Das fängt schon am Aufbau an. Von einem philosophischen Text erwartet man eigentlich, dass die Argumentation bereits eine Struktur vorgibt, stattdessen handelt es sich bei der DdA um eine Aneinanderreihung von Beobachtungen. Man würde es dem Text nicht anmerken wenn Ausschnitte in ihrer Reihenfolge vertauscht würden. Argumentiert wird selten, entweder der jeweilige Gedanke kommt dem Leser plausibel vor oder eben nicht.

Beispielsweise wird im ersten Kapitel die These entwickelt: „schon der Mythos ist Aufklärung“ und „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“. Eigentlich sollte man meinen, dass ein Aufsatz zu dem Thema mit den Definitionen von Aufklärung und Mythos beginnen. Nicht so Horkdorno das Kapitel beginnt mit der Zuschreibung: „Seit je hat Aufklärung (…) das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“  (S. 8). Auf den folgenden Seiten wird dann immer wieder darüber berichtet wie der Mythos aus der Perspektive der Aufklärung wirkt. Das erste was wir über den Mythos selbst erfahren ist: „Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären“ (S.14). Es handelt sich beides Mal nicht um eine Definition des Gegenstands, sondern nur um Beischreibungen einzelner Elemente. Das eigentlich spezifische der Aufklärung, das ihre Aussagen nachprüfbar sein sollen, wird auf diese Weise ausgeblendet.

Auch die Beobachtungen die Horkdorno zugunsten des Gedanken anführen, dass Aufklärung mit Herrschaft einhergeht können nicht überzeugen. Ein zentraler Gedanke ist etwa das schon Deduktion ein Produkt von Herrschaftsverhältnissen ist: „Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Hierarchie und Zwang. Wie die ersten Kategorien den organisierten Stamm und seine Macht über den Einzelnen repräsentieren, gründet die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit, der Arbeitsteilung.“ (S.27 f.) Starke Aussage, hätte ich gerne begründet. Darauf verzichtet Horkdorno jedoch. Pech, ich glaub dir nicht Horkdorno, Deduktion ist unabhängig von der Gesellschaft. Andererseits wird in dieser Aussage deutlich, wofür ich die gesamte DdA halte; sie ist eine marxistische Basis-Überbau-Theorie der Erkenntnis.

Um die unausgesprochene These, Aufklärung geht mit Herrschaft einhergeht, zu erhärten muss nicht nur Deduktion als Produkt der Herrschaft dargestellt werden, Wissenschaft und damit Aufklärung muss auch auf Deduktion reduziert werden. Es kann daher nicht wundern folgende Sätze zu finden: „Denken ist im Sinn der Aufklärung die Herstellung von einheitlicher, wissenschaftlicher Ordnung und die Ableitung von Tatsachenerkenntnis aus Prinzipien, mögen diese als willkürlich gesetzte Axiome, eingeborene Ideen oder höchste Abstraktionen gedeutet werden.“ (S.88) Hier wird deutlich, dass Horkdorno den naturwissenschaftlichen Betrieb nicht kennt. Denn die Tatsachenerkenntnis besteht in der Praxis eben nicht darin Sonderfälle aus Prinzipien herzuleiten, sondern darin die höheren Prinzipien erst zu finden, durch Induktion. Sie sind nicht willkürlich wie Horkdorno meint, sonder müssen selbst den Test an der Realität bestehen. Sogar in der Mathematik besteht ein Großteil der Arbeit nur nicht darin Theoreme aus Axiomen herzuleiten, sondern darin geeignete Fragestellungen und Definition zu finden mit der sich ein bestimmter Gegenstand untersuchen lässt. Das ist keine rein technische Übung, sondern erfordert ein hohes Maß an Intuition. Ein Beispiel dafür wäre der Übergang vom Riemann zum Lesbesgue-Integral, nachdem sich gezeigt hat, dass man mit dem Riemannintegral kaum Zugang zu mehrdimensionalen Integralen finden kann.

Die These das obersten Prinzipen willkürlich wären bereitet das vor, was ich für das zentrale Argument in der DdA halte, die Auffassung Aufklärung führe zur Amoralität: „Die Morallehren der Aufklärung zeugen von dem hoffnungslosen Streben, an Stelle der geschwächten Religion einen intellektuellen Grund dafür zu finden, in der Gesellschaft auszuhalten, wenn das Interesse versagt.“ (S.92) Horkdorno zufolge sind diese Moralbegründungen zum Scheitern verurteilt, weil sie hinter die Aufklärung zurückfallen würden: „Der Bürger, der aus dem kantischen Motiv der Achtung vor der bloßen Form des Gesetztes allein einen Gewinn sich entgehen ließe, wäre nicht aufgeklärt, sondern abergläubisch – ein Narr.“ (S. 92) Die Grundlage für diese Einschätzung ist ein pessimistisches Menschenbild: „Das Werk des Marquis de Sade zeigt den » Verstand ohne Leitung eines anderen «, das heißt, das von Bevormundung befreite bürgerliche Subjekt.“ (Das Werk des Marquis de Sade schildert sexuelle Ausschweifungen und propagiert das Recht des Stärkeren.)

Ich teile Horkdornos pessimistisches Menschenbild nicht, meiner Erfahrung nach werden Menschen von mehr geleitet als dem materiellen Vorteil und den Bedürfnis nach sexueller Ausschweifung. (Z.B. pflegen sie ihre Eitelkeit, indem sie ihre Gedanken in einem Blog heraus posaunen.) Selbst wenn ich diesen Verhalten nicht nachvollziehen könnte, müsste ich dennoch davon ausgehen, dass sie ihre Gründe dafür haben; das fordert meine liberale Einstellung. Mangelnder Bezug zur Realität ist nicht die einzige Beanstandung dem sich die Kritik der Aufklärung als moralzersetzend aussetzen muss.  Problematisch ist auch das es keine Basis geben kann von der aus diese Kritik geübt werden kann, außer Dogmatismus: Entweder ist Moral ist unvernünftig, dann kann es kein vernünftiges Argument gegen die Aufklärung sein sie zu verwerfen oder meine Variante Moral ist es aus Gründen, die wir nicht zu kennen brauchen, nicht, auch dann fällt das Argument in sich zusammen. Letzten Endes ist Horkdornos Kritik nicht ganz aufrichtig, er übergeht, dass es die Forderung ist, dass Aussagen  nachvollziehbar sein müssen, die dazu führt die Moral in  Frage zu stellen. Aufklärung stellt nicht nur Moral in Frage, sonder fordert aus den gleichen Gründen auch, dass sich Herrschaft legitimieren soll. Das verschweigt Horkdorno wohlweislich, da es dem Grundtenor des Buches, Aufklärung ginge mit Herrschaft einher, wiederspricht.

An dem Abschnitt über die Amoralität der Aufklärung überrascht wie nah die linken Vordenker konservativen Gedanken stehen. Ihr Menschenbild ist nicht von der Idee geprägt, dass Menschen grundsätzlich zum kooperativen Zusammenleben fähig sind, sondern von einem Misstrauen gegenüber dem ungezähmten Menschen. Es gibt ein weiteres Element das dem Konservativismus entnommen sein könnte: die ablehnende Haltung gegenüber systematischen Denken. Dass ein Exemplar wissenschaftlich als Repräsentant einer Gattung gilt, die Einheit von Besonderen und Abstraktem, wie Horkdorno es ausdrückt, gilt den Autoren schon als kritikwürdig. Im konservativen Denken gibt es keine systematischen Zusammenhänge, jedes Phänomen könne nur in seinem singulären Kontext verstanden werden. Horkdorno scheint diesen Gedanken zu übernehmen, für ihn erscheint daher eine Wissenschaft, die die Welt in Typen unterteilt, als Lüge. Eine List durch die die das Bestehende aufrecht erhalten kann. „Die Herrschenden selbst glauben an keine objektive Notwendigkeit, wenn sie zuweilen so nennen, was sie aushecken. Sie spielen sich als die Ingenieure der Weltgeschichte auf. Nur die Beherrschten nehmen die Entwicklung, die sie mit jeder dekretierten Steigerung der Lebenshaltung um einen Grad ohnmächtiger macht, als unantastbar notwendig hin.“(S. 44 f.) und „Der mythische wissenschaftliche Respekt der Völker vor dem Gegebenen, das sie doch immerzu schaffen, wird schließlich selbst zur positiven Tatsache, zur Zwingburg, der gegenüber noch die revolutionäre Phantasie sich als Utopismus vor sich selber schämt und zum fügsamen Vertrauen auf die objektive Tendenz der Geschichte entartet.“

Die konservative Haltung, dass es keine Systematischen Zusammenhänge gibt, ist stichhaltiger als es den Anschein hat. Um die Konservativen zu widerlegen, ist es notwendig zu zeigen, dass Induktionsschlüsse möglich sind. In der Philosophie wird dies das Induktionsproblem genannt. Man kann zwar aus den bisherigen Erfolg der Wissenschaften, die mit Induktion arbeiten, auf die Gültigkeit der Induktion schließen, das wäre jedoch selbst ein Induktionsschluss.

In der historischen Perspektive ist  Horkdorno Methode konservatives Denken für Linke nutzbar zu machen konsequent. Der Marxismus, der linkes Denken im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. beherrscht hat, lief auf extrem technokratische Ansätze (Planwirtschaft) hinaus. Um das absehbare (zu der Zeit erst mal nur moralische) Scheitern der Technokratie zu überleben musste sich linkes Denken sich von seiner technokratischen Variante lösen: „In dem er [der Sozialismus] für alle Zukunft die Notwendigkeit zur Basis erhob und den Geist auf gut idealistisch zur höchsten Spitze depravierte, hielt er das Erbe der bürgerlichen Philosophie allzu krampfhaft fest. So bliebe das Verhältnis der Notwendigkeit zum Reich der Freiheit bloß quantitativ, mechanisch, und Natur, als ganz fremd gesetzt, wie in der ersten Mythologie, würde totalitär und absorbierte die Freiheit samt dem Sozialismus.“ (S. 47) Die Linke erhebt nun die Utopie zur Basis, sodass jeder, der systematische Zusammenhänge behauptet (Salonmarxologen ausgenommen) als präfaschistisch gilt.

Alle Seitenzahlen beziehen sich auf die deutsche Neuausgabe von 1969, 17. Auflage.

Eine Gemeinsame Veröffentlichung von Freiheit und Optimismus und Die Freie Welt.