Posts Tagged ‘moralische Entwicklung’

Naives Misstrauen

Dezember 19, 2012

In politischen Diskussionen wird man oft bemerken, dass es so gut wie nie zu einem Konsens kommt und trotzdem alle Beteiligen ihre Überzeugung für vernünftig halten. Der Grund dafür liegt seltener in unterschiedlichen Werturteilen, sondern darin das Tatsachen anhand unterschiedlicher Heuristiken eingeordnet werden. Eine Studie über die Wirkung von Derivaten auf die Lebensmittelpreise mag den einen überzeugen, der andere hält sie für ein Produkt von Lobbyismus und ignoriert sie einfach. Eine Heuristik, die ich für besonders schädlich halte ist die Angst, dass uns die Dinge, die wir nicht verstehen, zum Nachteil gereichen, das naive Misstrauen.

Prominente Beispiele für diese Art des Denkens findet man in Diskussionen über Gentechnik oder Spekulation. So wird die Gentechnik häufig mit dem Argument angegriffen, dass man die Wirkung von gentechnischen Eingriffen prinzipiell nicht vorhersehen kann. Hier wird unterstellt, dass das, was Laien nicht durchschauen können, mit hohen Risiken verbunden sein muss. Deutlicher tritt das naive Misstrauen beim Thema Spekulation hervor. Der Vorwurf ist hier, dass Spekulation keine Werte erzeugt und der Spekulant folgerichtig am Rest der Wirtschaft schmarotz. Die Lücken in diesem Bild werden mit Mutmaßungen aufgefüllt. Dem Spekulanten werden Fähigkeiten zugeschrieben, die nicht im Bereich des Möglichen liegen. Etwa das er fähig sei dauerhaft enorme Gewinne zu generieren.

Das naive Misstrauen zeichnet sich dadurch aus, dass diejenigen die diese Heuristik verwenden, nicht daran interessiert sind, ihren Kenntnisstand in der Streitfrage zu verbessern. Der Grund  liegt zum Teil darin, dass man die eigenen Mutmaßungen mit Wissen verwechselt, teils glaubt man nicht mehr daran, dass objektives Wissen möglich ist. Der Wissenschaft wird unterstellt, dass sie gekauft sei. Aufgrund seines beschränkten Kenntnisstandes ist der Naiv-Misstrauische nicht in der Lage den Nutzen einer bestimmten Handlungsweise zu erfassen. Aus dem Umstand, dass ihm kein Nutzen bekannt ist, schließt er, dass sie tatsächlich keinen Nutzen stiftet.

Saatgutunternehmen wird oft vorgeworfen, dass gentechnisch veränderte Hybridsaat, die nicht zur Wiederaussaat geeignet ist, Kleinbauern benachteiligen würde. Die Naivität des Misstrauens gegenüber Gentechnik wird hier besonders deutlich. Wer so argumentiert glaubt besser einschätzen zu können, was den Kleinbauern nütz als diese selbst. Ein Bauer wird die Saat verwenden, von der er sich den höchsten Nutzen verspricht. Er wird sich das sehr genau überlegen, weil buchstäblich seine Existenz davon abhängt. Die Wahl eines Bauern ist also ein sehr guter Indikator dafür, was die geeignetste Saat ist. Somit belegt die weltweite Verbreitung der Gentechnik, dass sie den Landwirten Vorteile bringt.

Eine Handlungsweise die scheinbar keinen Nutzen stiftet, aber von der manche dennoch profitieren, weckt natürlich die Angst übervorteilt zu werden. Wenn es keinen Nutzen gibt, muss der Vorteil zu Lasten anderer gehen. Die Furcht vor dem Unverstandenen hat noch eine andere Quelle: Die Angst davor, dass das Unverstandenen die eigene Lebensweise überwältigt. Im Fall der Spekulation äußert sich die Angst in der Befürchtung, dass sie die Wirtschaft destabilisiert. Wahrscheinlich hat auch Homophobie hier seine Ursache.

Das naive Misstrauen ist ein Rückfall hinter die Aufklärung. Naives Misstrauen lebt von der Ansicht, dass es nicht möglich ist den Dingen auf den Grund zu gehen. Entweder es bleibt bei oberflächlichen Mutmaßungen stehen und ahnt nicht, dass es noch ein tieferes Wissen gibt oder es unterstellt, dass uns aufgrund von Standpunkt und Interessen der Zugang zur Objektivität versperrt ist. Es verharrt damit in der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Es war der Anspruch der Aufklärung, dass die Gründe aufgrund deren etwas für wahr gehalten werden, durch jeden nachgeprüft werden können. Das naive Misstrauen verwirft, diesen Anspruch. Erkenntnis wird an Experten delegiert und deren Ergebnisse als willkürlich verworfen.

Dem naiven Misstrauen ist ein begründetest Vertrauen entgegenzusetzen, den Weg dahin zeigt die Aufklärung auf. Auch ein gebildeter Mensch kann nicht alle Streitfragen auf höchstem Niveau beurteilen. Bei der Meinungsbildung müssen wir zwangsläufig auf Heuristiken zurückgreifen. Daher lohnt es sich über diese besonders Intensiv zu reflektieren. Eine besser Heuristik als das naive Misstrauen ist etwa folgende: Wenn Menschen zur freiwilliger Interaktion bereit  sind, ist davon auszugehen, dass die Interaktion allen Beteiligten zum Nutzen gereicht, auch wenn dieser für uns schwer zu erkennen ist. Man kann diese Heuristik logisch erschließen. Andere haben einen besseren Einblick in ihre Lebensumstände und den Einflüssen, die darauf wirken. Ihren Entscheidungen ist also informierter als unsere Mutmaßung welche Entscheidung an ihrer Stelle richtig wäre. Das Vertrauen in diese Heuristik wächst, wenn sie sich empirisch bestätigt. Man kann dazu sein Wissen in bestimmten Bereichen vertiefen, um zu verstehen worin der Nutzen liegt der Außenstehenden verborgen bleibt.

 Um das naive Misstrauen zu überwinden ist noch eine zweite Heuristik nötig: Das Vertrauen in das, was uns Nutzen bringt. Die Angst vor dem Unverstandenen, ist oft die Angst davor, das zu verlieren was uns nutzt. Der Grund ist, dass wir das Nützliche oft für ein Produkt des Zufalls halten. Wer glaubt, dass Spekulanten die Preise hochtreiben können, glaubt dass die Preise eine rein willkürliche Übereinkunft sind. Wenn man die Einflussfaktoren begreift durch die ein Preis festgelegt wird, wird sehen, dass sich die Höhe eines Preises exakt durch diese bestimmt wird. Solch ein Wissen schafft Vertrauen. Die Zukunft ist nicht völlig unvorhersehbar, sondern verläuft im Rahmen dessen, was absehbar ist. Je besser wir unser Lebensumstände verstehen, umso besser können wir unterscheiden was wir fürchten müssen und welche Furcht unbegründet ist. Unterm Strich wird das Leben entspannter.

Was soll nicht alles Meine Sache sein!

Juni 3, 2010

Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. »Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!«

(…)

Ich brauche gar nicht an jedem, der seine Sache Uns zuschieben möchte, zu zeigen, daß es ihm nur um sich, nicht um Uns, nur um sein Wohl, nicht um das Unsere zu tun ist. Seht Euch die Übrigen nur an. Begehrt die Wahrheit, die Freiheit, die Humanität, die Gerechtigkeit etwas anderes, als daß Ihr Euch enthusiasmiert und ihnen dient?

(…)

Und an diesen glänzenden Beispielen wollt Ihr nicht lernen, daß der Egoist am besten fährt? Ich Meinesteils nehme Mir eine Lehre daran und will, statt jenen großen Egoisten ferner uneigennützig zu dienen, lieber selber der Egoist sein.

(…)

Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für Mich keinen Sinn.

Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin.

Mir geht nichts über Mich!

Das Zitat stammt aus der Einleitung zu Max Stirners „der Einzige und sein Eigentum“. Wie unschwer zu erkennen ist, geht es Stirner um die Emanzipation des Einzelnen von übergeordneten Ideen. Würden wir besser fahren, wenn es keine übergeordneten Ideen gebe, wie Stirner es behauptet? Man denke einerseits an alle irrationalen Ängste, Konflikte und Hemmungen, die wir übergeordneten Ideen zu verdanken haben. Andererseits wie kann ein Kind lernen auf andere in angemessener Weise einzugehen, wenn es keine übergeordneten Ideen gibt, die als moralische Motivation dienen?

Wie lange bleibe ich eigentlich Ich?

Februar 10, 2010

Viele unsere Vorstellung über Recht, Wirtschaft und weiteren Wissenschaften setzen voraus, dass man das Selbst als Einheit auffassen kann. Aber ruht diese Ansicht überhaupt auf einem festen Fundament oder müssen wir sie nicht zugunsten eines differenzierteren Bildes verwerfen? In diesem Beitrag stelle ich unsere Auffassung vom Selbst in Frage und komme zu weitreichenden Konsequenzen.

Zweifel an der Einheit des Selbst wurden vor allem vom Buddhismus angemeldet. Der Doktrin Anatta (Nichtselbst) zufolge gibt es so etwas wie das Selbst nicht, das heißt eine Person ist nicht mit der identisch, die sie vor wenigen Augenblicken noch war. Dieser Gedanke lässt sich durch den Vergleich mit einem Feuer verdeutlichen: Wenn nach einer bestimmten Zeit das Feuer allen Brennstoff verbraucht hat und der durch neuen ersetzt wurde, hat es nichts mehr mit seiner vorhergehenden Erscheinungsform gemeinsam. Daher macht es auch keinen Sinn davon zusprechen, es sei mit der seiner vorhergehenden Erscheinungsform identisch. Dem Buddhismus zufolge verhält es sich mit dem Selbst ähnlich, hier werden alle Empfindungen und Bewusstseinsinhalte (Skandhas) in kurzer Zeit ausgetauscht.

Dem lässt sich wenig entgegenhalten. Weitere Zweifel an der Einheit des Selbst kommen einem, wenn man sich fragt, welche Interessen ein Selbst hat. Diese leiten sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Bedürfnisse ab, die sich zum Teil widersprechen. Die Interessen des Selbst werden also erst durch eine willkürliche Auswahl aus diesen Bedürfnissen gebildet. Aber auch nach der Auswahl bleiben Bedürfnisse, die zu den ausgewählten Interessen im Widerspruch stehen, bestehen. Von einer Einheit kann also keine Rede sein.

Die Vorstellung, dass das Selbst keine Einheit darstellt, wirkt sich darauf aus, was unter Recht zu verstehen ist. Aus ihr ergibt sich, dass der Einzelne nicht vollständig über seine späteren Willensäußerungen verfügen kann. Damit verbietet es sich beispielsweise sich selbst in die Sklaverei zu verkaufen oder in den meisten Fällen sein Leben zu beenden. Auch Handlungen die einen in Abhängigkeit oder zu späteren Gesundheitsrisiken führen sind problematisch. Auf einem anderen Blatt steht in wie fern diese Unrechtshandlungen zu Sanktionen führen können. Bei Sklavereiverträgen ist der Fall eindeutig, hier führt die fehlende Einheit des Selbst dazu, dass die Verträge unwirksam werden. Anders sieht es bei Abhängigkeit und Selbstmord aus, streng genommen hat das Spätere Selbst, das unter Abhängigkeit oder Nichtexistenz zu leiden hat, Ansprüche gegen das Frühere, das diesen Zustand herbeigeführt hat.  Allerdings haben diese Ansprüche keine Auswirkungen, weil alle Güter, aus denen sie erfüllt werden können, ohnehin in das Eigentum des Späteren Selbst übergegangen sind.

Dass das Selbst keine Einheit ist erklärt, wie es zu einer Zeitpräferenz kommt. Wenn ich nicht mit meinem Späteren Selbst identisch bin, haben die Interessen des Späteren Selbst nicht die gleiche Priorität wie die Interessen, die ich hier und jetzt erfüllen kann. Im Extremfall bei einer unendlich hohen Zeitpräferenzrate haben sie gar kein Gewicht, wie beim Pro-Gamer der es zulässt körperlich zu zerfallen, um nicht von seiner Spielsucht ablassen zu müssen. Indes muss man sich fragen, ob nicht Mutter Natur uns Mechanismen in die Wiege gelegt hat die eine unendlich hohe Zeitpräferenzrate verhindern. Wären wir in der Prähistorie zu faul gewesen, um auf die Jagd zu gehen, wir hätten nicht überlebt und unser Erbgut auf die heutige Zeit übertragen.

Ein solcher Mechanismus könnte ein Arbeitsgedächtnis sein, das bewusste Entscheidungen aufnimmt, damit sie später unwillkürlich ausgeführt werden, um so die zeitliche Koordination des Handelns zu erleichtern. Oder die Imagination eines zeitlich unveränderlichen Selbst. Ist also unsere Auffassung über die Zeit hinweg zu überdauern Selbst ein Trick der Biologie der unser Überleben ermöglicht oder steckt doch etwas Tieferes dahinter?

Ernsthafte Zweifel an der buddhistischen Konzeption des Nicht-Selbst kamen mir in der Zeit in der ich Vordiplom machte. Damals musste ich mit großer Intensivität meine Tätigkeiten über einen Zeitraum von mehreren Monaten planen. In der Folge waren meine Handlungen tatsächlich Teil eines übergreifenden Ganzen und nicht Ergebnis einer Kette aufeinander folgender, aber isolierter Bewusstseinszustände. Es ist also möglich durch zeitlich koordiniertes Handeln eine Einheit herzustellen. Nicht so sehr eine Einheit des Selbst, sondern eine Einheit der Persönlichkeit.

Aber ist ein Streben nach der Einheit der Persönlichkeit nicht etwas völlig natürliches? Wie oben bereits angesprochen hat der Einzelne Bedürfnisse die miteinander im Widerspruch stehen, um handlungsfähig zu bleiben muss eine Auswahlgetroffen werden. Müsste diese Auswahl jedes Mal aufs Neue getroffen werden, würde man einen ungeheuren Aufwand treiben. In der Natur kann dieser Aufwand tödlich sein. Effizienter wäre es Regeln festzulegen, nach denen die Interessen ausgewählt werden. Diese Regeln sind es die eine Persönlichkeit ausmachen. Natürlich können auch solche Regeln in Widerspruch stehen. Daher wird je weiter sich eine Persönlichkeit entwickelt, sie  desto mehr nach höher stehenden Prinzipien suchen, nach denen sie ihr Handeln ausrichtet. Die Verwirklichung eines einheitlichen Lebensentwurfs verleiht eine tiefere Befriedigung als das Erfüllen kurzfristiger Bedürfnisse.

Die letzten, moralischen Gedanken tun den rechtlichen Konsequenzen des Nichtselbst keinen Abbruch. Persönlichkeit ist immer nur Möglichkeit, die nicht vorausgesetzt werden kann und eine Persönlichkeit muss in jedem Augenblick das Recht haben mit sich selbst zu brechen.

Induktive Ethik

November 18, 2009

In einer Rede zum bayrischen Landestreffen der libertären Plattform hat Gérard Bökenkamp eine zentrale Frage der libertären Weltanschauung angesprochen. Die Frage, ob es sinnvoll sein kann, sich in der Politik zu engagieren oder ob man mit seinem Handeln dann nicht genau den Prinzipien widerspricht, die man zu fördern beabsichtigt. Seine Lösung bestand darin die Prinzipien des Libertarismus einem Idealbereich zuzuordnen, aus dem sie in der realen Welt nicht unmittelbar umgesetzt werden können. Für die Praktischen Konsequenzen dieser Überlegung kann ich mich durchaus erwärmen, aber die Konzepte auf den sie ruhen steht in Widerspruch zur Moral, wie ich sie denke. Bökenkamp auf dieser Ebene zu widersprechen ist ein Wagnis, denn die Konzepte, auf die er sich beruft, stehen in absoluten Einklang mit der neuzeitlichen Geistesgeschichte. Ich will es dennoch versuchen.

Seit Hume wird in der Philosophie streng das Seien, also die Beschreibung der Welt, vom Sollen, den moralischen Urteilen, getrennt. Wie das eine beschaffen ist, kann keine Auswirkungen auf die Beschaffenheit des anderen haben. Begründet hat Hume diese Barriere damit, dass um auf einen Satz zu schließen der „soll“ enthält, ein „soll“ in mindestens einer der Prämissen enthalten sein muss. Eine Schlussregel die ein „ist“ in ein „soll“ umformt gibt es nicht. Mit diesem Hintergrund ist es plausibel idealen ethischen Werten die reale Welt und ihre  Gesetzte gegenüberzustellen.

So weit muss ich mit der Tradition mitgehen. Dass es eine Wirkung von unserem Erfahrungsschatz (Seien) auf die moralischen Überzeugungen (Sollen) gibt, wird jedoch offensichtlich, wenn wir nicht von einem abstrakten Ich ausgehen, das auf das reine Denken beschränkt ist, sondern von lebendigen Menschen, die eine Entwicklung durchmachen. Die moralischen Überzeugungen eines Kindes sind andere als die eines Jugendlichen und dessen Überzeugungen sind wieder andere als die eines Erwachsenen.

Die Hintertür durch die das Sein in das Sollen eingeschmuggelt werden kann ist der Wille, um einen Moment bei Humes formal-logischen Überlegungen zu bleiben. Jedem Sollen liegt ein Willen zugrunde. Der Wille der Eltern, dem das Kind ausgeliefert ist, ist für das Kind das zu Befolgende. Verantwortung ergibt sich aus der gewollten Identifikation mit einer Sache. Im kategorischen Imperativ ist der Schluss vom Wollen aufs Sollen besonders transparent: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Daraus folgt, dass wenn sich das wünschenswerte ändert, sich auch die moralischen Überzeugungen ändern können.

Die ethischen Ideale und die reale Welt liegen in der so gewonnenen Perspektive nicht nebeneinander, vielmehr müssen sich auch moralische Kriterien dem Test an der Realität stellen. Nahliegende Fragen die sich an moralische Kriterien richten, sind ob sie in der Praxis konsistent sind oder sie Annahmen enthalten, die sich nicht aufrechterhalten lassen. Die Brisanz solcher Fragen liegt darin, dass unsere Handlungsfähigkeit von der Konsistenz unserer Handlungen abhängt. Man kann einen Realitätstest für moralische Kriterien auch so formulieren: Können sie zur eigenen Handlungsfähigkeit beitragen oder führen sie in Dilemmata, die dazu zwingen die moralischen Kriterien weiter auszudifferenzieren.

In einer Moral die sich auf die dargelegte Weise versteht gibt es keinen Widerspruch zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik. Ziehen Moralvorstellung Konsequenzen nach sich, die man nicht bereit ist in Kauf zu nehmen, ist das ein Anlass die Moralvorstellungen zu überdenken. Für das Dilemma, ob sich ein Anarchokapitalist an der Politik beteiligen soll, bedeutet das, dass man sich überlegen muss, ob durch die Beteiligung das NAP gefördert wird oder geschwächt. Zu keinem anderen Schluss ist auch Bökenkamp gekommen. Viel gravierender ist die Frage ob der Staat notwendig ist, denn dann ist der Anarchokapitalismus mit der hier skizierten Metamoral nicht vereinbar.

Vom Wirtschafttechnokraten zum Libertären

November 10, 2009

Wie in Beiträgen auf Freiheit und Optimismus bereits angedeutet glaube ich, dass Liberale einen anderen Zugang zur Welt haben als Linke oder Konservative. Den Konservativen und den dominierenden Varianten der Linken ordne ich ein Denken in Zweckkausalitäten zu, d.h. sie interessieren sich vor allem für die Ziele die im Politischen Kampf verfolgt werden und glauben, wie die Welt eingerichtet sei, entscheidet sich durch die Kräfte, die in diesem Kampf dominieren. Die politische Realität sei also eine Folge der Zwecke. Ein Beispiel für diese Denkweise ist z.B. der Kommentar der irgendwann einmal auf B.L.O.G. fiel, dass die technischen Berufe den Verlauf des Technischen Fortschritts bestimmen könnten.

Den Liberalen hingegen ordne ich ein Denken in Wirkungskausalitäten zu. Sie interessieren sich dafür wie etwas geschieht, also vor allem mit welchem Mitteln Ziele verfolgt werden. Diese Vorgehensweise haben sie mit ihrem politischen Gegenpol den Technokraten gemein.

Der Unterschied zwischen beiden Denkstilen kann an der Frage nach dem Mindestlohn verdeutlicht werden. Ein Konservativer oder Linker wird bei der Frage ob ein Mindestlohn eingeführt werden soll zunächst überlegen, ob sie das Ziel dieser Maßnahme unterstützen; ein Liberaler oder ein Technokrat fragen sich dagegen wie sich der Mindestlohn auswirkt.

Im Folgenden werde ich beschreiben wie sich das politische Denken entwickelt, wenn man von Angang seiner politischen Entwicklung an in Wirkungskausalitäten denkt. Diese Entwicklung ist eher die Ausnahme. Liberale beginnen meist als Anhänger einer anderen Weltanschauung, die wegen dem Scheitern ihrer Ideologie dazu übergehen auch Wirkzusammenhänge in ihr Denken miteinzubeziehen.

In einem naiven Entwicklungsstadium werden Liberale und Technokraten nicht viel darüber nachdenken nach welchen Gesichtspunkten sie eine Maßnahme bewerten. Entweder sie bedienen sich eines unreflektierten Utilitarismus oder übernehmen die gesellschaftliche Mode. Im Vordergrund steht der Versuch sich die Kenntnisse anzueignen, die man zur Bewertung politischer Maßnahmen braucht, d.h. vor allem Ökonomie. Typisch für dieses Entwicklungsstadium ist dass man Makroökonomie für die reine Wahrheit hält und Sätze, die mit „Es liegt kein optimales Gleichgewicht vor“ beginnen, mit „also muss der Staat eingreifen“ zu beenden. Linke und Konservative bezeichnen dieses Denken als neoliberal, wirtschaftstechnokratisch halte ich jedoch für sehr viel passender.

Einem Wirtschaftstechnokraten werden mit der Zeit zwei Dinge auffallen. Erstens dass er bei den meisten Fragen die zur Diskussion gestellt werden gegen ein Eingreifen des Staates plädiert. Das wird sooft passieren, dass ihm das fast zur Gewohnheit wird. Daher begreift er sich als Liberalen. Zweitens wird auffallen, dass sich die Politik nur sehr oberflächlich mit dem beschäftigt, was sie vorschlägt und beschließt.

Exkurs: Die Tatsache, dass man nach utilitaristischen Gesichtspunkten so ziemlich jeden Staatlichen Eingriff verwerfen müsste, ist eine recht interessante Beobachtung, auch dann wenn man über den Utilitarismus längst hinaus gewachsen ist. Zuerst bin ich bei Davids Friedmans Räderwerk der Freiheit darauf gestoßen. Rothbard geht in „Market and Power“ die gängigen Staateingriffe in die Wirtschaft durch und zeigt, dass keiner von ihnen das leisten kann, was er verspricht.

Verblüffender ist, dass diese Koinzidenz von libertären und utilitaristischen Kriterien auch dann gilt, wenn Fragen behandelt werden die man nicht mit Standardökonomie beantwortet werden kann, wie die Prohibition oder Bankfreiheit. Der Zusammenhang ist so ausgeprägt, dass es eine tiefere Ursache geben muss. Die Neoaustrians (Rothbard, HHH) haben sich an einer Begründung versucht, die ich jedoch für zu oberflächlich halte. Einige Ansätze Hayeks halte ich für vielversprechender. Exkurs Ende.

Im besten Fall beginnt ein Wirtschafttechnokrat eine Wertschätzung für liberale Prinzipien, Eigenverantwortung, Rechtssicherheit und individuelle Haftung, zu entwickeln. Er erkennt, dass diese Prinzipien gut dazu geeignet sind Konflikte auch im außerökonomischen Bereich zu lösen. Er geht vom wirtschaftstechnokratischen ins ganzheitliche-liberale Stadium über.

Im ganzheitliche-liberalen Stadium vertieft sich das Vertrauen in die liberalen Prinzipien und die Unzulänglichen der bisherigen Bewertungsmaßstäbe werden dem Liberalen zunehmend deutlich. Sie werden schließlich bewusst verworfen, die Übereinstimmung mit Freiheit, Recht und Eigentum wird zum alleinigen Kriterium zur Beantwortung politischer Fragen. (Bei mir hatte dieser Schritt einen Auslöser, das war als ich das erste Mal mit dem NAP konfrontiert wurde.)

Diese Entwicklung beschreibt recht gut meine eigene Entwicklung. Mich würde interessieren, wie sehr sich die Leser darin widerfinden können. Gibt es Menschen die den direkten Weg zum Liberalismus gefunden haben, die sich nie von den Verlockungen der Politik haben täuschen lassen, sondern direkt von ihren Alltagserfahrungen auf die Werte des Liberalismus schließen konnten?