Evolution gewaltausübender Institutionen und ‚stochastic escape‘

November 17, 2008

Gegenüber radikal-liberalen Vorschlägen werden häufig zwei Argumente vorgetragen. Der erste betrifft die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Gewaltmonopol. Es lautet, dass die Tatsache das wir heute überall auf der Welt Staaten haben, zeige, dass Gemeinschaften ohne Gewaltmonopol von jenen die damit ausgestattet sind verdrängt werden oder dieser Zustand nicht stabil sei. Das zweite richtet sich gegen radikale Reformen im Allgemeinen: Da unser Wissen nicht ausreicht um a priori die geeignetsten Institutionen zu finden, müsse man diese durch einen fortgesetzten Prozess von ‚Trial and Error‘ herausfinden. Anstelle großer Veränderung sei es ratsam kleine vorzunehmen, Fehler zu korrigieren und so die Institutionen inkrementell zu verbessern.

Diese Argumente sind sehr ernst zu nehmen, den die hinter ihnen stehenden Konzepte haben, sich an anderer Stelle bewehrt. Zudem kommt die Betrachtungsweise von Institutionen als Produkte eines evolutionären Prozesses meinem Weltbild sehr entgegen. Was lässt sich diesen Argumenten entgegen?

Zunächst muss festgestellt werden, dass die inkrementelle Vorgehensweise, zwar in Situationen, in denen wenig Informationen vorliegen sehr hilfreich ist, aber in bestimmten Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit versagen. Das sind die Situationen in der man eine Lösung gefunden hat, die in einem lokalen Extremum liegt. D.h. jede Lösung, die der gefundenen ähnelt, ist weniger zufriedenstellend als diese, was jedoch nicht ausschließt, dass eine sehr Unterschiedliche sehr viel besser wäre. Solche lokalen Extrema sind in komplexen Systemen, wie einer Gesellschaft von Menschen eher die Regel denn die Ausnahme, ein Beispiel wäre die Regulierung im Finanzwesen: etwas Deregulierung führt zu Instabilität des Systems, schafft man dann Zentralbank und beschränkte Haftung ab und führt Währungskonkurrenz ein erhöht sich die Stabilität wieder (siehe etwa Kevin Dowd, ‚laissez-faire banking‘). In solchen Situationen führt der Gradualismus dazu, dass man bei einer schlechten Lösung verharrt und es wäre besser einen großen Wurf zu wagen.

Ähnlich lässt sich gegen die erste Entgegenhaltung argumentieren: Dass sich Staaten bisher durchgesetzt haben, bedeutet noch lange nicht, dass es kein Modell gäbe, das sich gegen diese durchsetzten könnte. In der Evolution verharrt ein System öft sehr lange in einem lokalen Maximum bis eine zufällige Schwankung es aus diesem herauskatapultiert und neue Möglichkeiten eröffnet. Diesen Prozess nennt man ‚stochastic escape‘.

Bei einer solchen Flucht können Eigenschaften aus dem früheren Zustand mitgenommen werden. So sind Atomwaffen, Internet und die hohe Mobilität moderner Gesellschaften Errungenschaften, die die Möglichkeit innerer und äußerer Eroberung stark beeinflussen dürften und die es zu der Zeit nicht gab, als sich die territorial verfassten Staaten gebildet haben.

Ancapistan mag wie eine Gesellschaft aus dem Reisbrett aussehen, so dass erste Versuche es zu errichten wohl scheitern müssen. Wenn jedoch zahlreiche, mutige Versuche unternommen werden und frühere Erfahrungen angemessen berücksichtigt, stehen die Chancen nicht schlecht die Keimzelle für eine Gesellschaft zu legen, die nach und nach Unfreiheit und Elend von der Welt verdrängt.

Zu den Protesten vom 12.11.

November 16, 2008

Wir befinden uns im Jahr 1928, während unklar ist wie lange und schwerwiegend die sich abzeichnende Wirtschaftskrise sein wird, kommt auch auf der politischen Ebene einiges in Bewegung. Wegen politischer Unkultur und der evidenten Unfähigkeit die tatsächlichen Probleme zu lösen verliert die amtierende Generation der Politiker spürbar an Zustimmung. Kräfte des extremen Etatismus versuchen diese Stimmung zu nutzten um das politische System selbst zu destabilisieren. In diesem Zusammenhang ist auch der Schülerprotest vom 12.11. zu sehen. Zettel analysierte welches Bündnis überhaupt zum Protest aufgerufen hat.

Einen Eindruck von den Ereignissen bekommt man durch ein Video von Spon.

Beim Betrachten des Videos fallen einige Dinge auf, das erste ist die sichtbare antikapitalistische Agitation. Als nächstes das die Protestler kaum in der Lage sind, ihr Anliegen zu artikulieren. Dann die seltsame kooperative Haltung der Manager. Sie sind nicht mehr zu eigenen Handlung fähig weder zu beschließen, das Treffen zu beenden, noch den Raum zu verlassen. Brav reicht man einem Protestler das Mikrophon, brav hält einer der Manager mit gesenktem Kopf ein Schild. Man kann dieses Verhalten als natürliche Reaktion von Staatgewinnlern betrachten, sich jedem Gewaltmonopolisten anzubiedern und das war in dieser Situation der Mob. M.E. liegen die Ursachen jedoch tiefer: Die Leistungsträger haben den Hass der Umsturzwilligen längst internalisiert. Medien und Bildungseinrichtungen sind Multiplikatoren für antikapitalistische Ressentiments. An Aufeinandertreffen wie das zwischen Manager und Protestierenden sieht man, wie sehr das die Widerstandskraft und Selbstbewusstsein der Antitotalitären geschwächt hat.

Für ein künftiges 1933 dürften die offenen Antikapitalisten noch zu schwach sein, gefährlicher ist in dieser Situation der Standartetatismus, eine Bewertung die sich mit fortschreitender Wirtschaftskrise noch ändern kann.

Siehe auch: www.schulaction_org.local _ -> . und .local streichen

Die Problematik ungleichen Unrechts

November 9, 2008

In vielen Debatten um das kleinere Übel, geht es um die Frage, dass wenn man schon Unrecht nicht verhindern kann, man vielleicht doch den Personenkreis beschränken sollte, der von ihm betroffen ist. Beispiele wären, die Begrenzung der Wehrpflicht auf Männer oder das Einführen weiterer Steuerfreibeträge. Auf dem ersten Blick mag der Gedanke einiges führ sich haben, eine Beschränkung des betroffenen Personenkreises, schränkt auch die Zahl der bedrohten Rechtsgüter ein. Auf den zweiten kommen Zweifel, die Wehrpflicht wäre nicht aufrechtzuerhalten wären auch Frauen betroffen, die Möglichkeit die Steuerlast zu mildern, führt zu einem Wettstreit der Lobbyisten um die wirkungsvollste Beeinflussung der Politiker. Kurz die Beschränkung des Personenkreises, ermöglicht es der Politik die Strategie des ‚divide et impera‘ anzuwenden. M.E. ist der Erfolg des Etatismus fast ausschließlich auf diese Strategie zurückzuführen und so ist die Beschränkung des Personenkreises überhaupt die Voraussetzung dafür, dass Unrecht zugelassen wird. Das Problem muss daher neu formuliert werden: Kann man es moralisch rechtfertigen, einige Menschen dem Unrecht preiszugeben, wenn dies die Chancen verbessert alle oder mehr Menschen vor diesem Unrecht zu bewahren?

Diese Frage lässt sich in ihrer Allgemeinheit natürlich nicht beantworten, es kommt z.B. darauf an ob das preisgeben eine aktive oder negative Handlung darstellt, was mach eine am Recht orientierte Person überhaupt in der Politik usw. Allerdings lässt sich folgendes feststellen: Wer, statt seine Anstrengung darauf zu richten das Unrecht in seiner Gesamtheit zu beseitigen, sich müht das Unrecht von sich auf andere zu lenken, schafft diesem Unrecht Legitimität. Dieser erhält damit die Grundlage, auf der das Unrecht überhaupt bestehen kann und trägt daher eine Mitschuld. Diese Mitschuld rechtfertigt es den Versuchen den von Unrecht betroffenen Personenkreis zu begrenzen entgegenzuwirken. Als Versuch es ist schon zu werten, wenn die Meinung vertreten wird, die Begrenzung sei zu präferieren. Als Gegenposition zu diesen Versuchen lässt sich gleiches Unrecht für alle auch allgemein präferieren. Die hier entwickelte Argumentation ist recht komplex, aus meiner Sicht ist sie jedoch, die einzige aus der Fla-Tax einem differenzierten Steuersystem und allgemeine Wehrpflicht gegenüber Wehrpflicht nur für Männer vorzuziehen ist.

Was für wirtschaftliche Freiheit spricht

November 4, 2008

Liberale stehen im Verdacht herzlose, kalte Menschen zu sein, denen Geld wichtiger ist, als Wohl und Wehe von Unbill betroffener Menschen. Eine Ursache hat diese Wahrnehmung m.E. in den ökonomischen Argumenten, denen sich Liberale bedienen. Blickt man in ein Lehrbuch der Ökonomie ist die oberste Frage tatsächlich die, ob effizient mit Ressourcen umgegangen wird. Dies ist der eigentliche Gegenstand der ökonomischen Forschung. Obwohl wissenschaftlich einwandfrei schaffen es ökonomische Argumente in der Regel nicht die Öffentlichkeit zu überzeugen, das legt den Verdacht nahe das Werturteile der Grund für den Dissens sind.
Wenn man sich schon an utilitaristischen Normen orientiert, ist ein Indikator für die Lebenszufriedenheit aussagekräftiger als rein materielles Wohlergehen. Tatsächlich zeigt die Glücksforschung, dass materieller Reichtum auf die Lebenszufriedenheit nur geringen Effekt hat, wenn ein bestimmtes Niveau (1995: 13,000$) überschritten wurde (1). Insofern hat die Geringschätzung schnöden Mammons eine gewisse Berechtigung. Es erscheint daher ratsam, dass man in politischen Auseinandersetzungen weniger Anhand des materiellen Reichtums argumentiert, sondern andere Kriterien zurate zuziehen. Ein wichtiges Kriterium, das in polit-ökonomischen Entscheidungen eine Rolle spielt und deutlich mit der Lebenszufriedenheit korreliert, ist die Kontrolle über das eigene Leben (2). Politische Maßnahmen sollten nicht dazu führen, dass Individuen diese Kontrolle verlieren.

Linke sprechen in diesem Zusammenhang oft den Unterschied zwischen negativer und positiver Freiheit an und befürworten die positive. Die bedeutet in der Praxis nicht anderes als alle Menschen ohne Vorbedingung mit ein bestimmtem Einkommen auszustatten. Was hier übersehen wird, ist das Kontrolle über das eigene Leben zu haben die Möglichkeit, zu scheitern, einschließen muss. Martin E.P. Seligman konnte zeigen, dass Menschen, denen unabhängig von den eigenen Handlungen ausschließlich positives Wiederfährt, erst den Antrieb verlieren selbst aktiv zu werden und dann depressiv werden (3). Die Menschen sollten nicht vor den Konsequenzen ihrer Handlungen geschützt werden. Eine Person, die Kontrolle ausübt und die Konsequenzen dafür trägt, hat Verantwortung.

Es ist also sinnvoll Maßnahmen zu unterstützen, die die Verantwortung der Personen für ihr Leben achten und bewahren, selbst wenn dies mit materiellen Einbußen verbunden ist. Dies wird durch die Institutionen des Privateigentums und der Vertragsfreiheit gewährleistet. Auf politischer Ebene ist der Respekt vor diesen Institutionen das Maß an wirtschaftlicher Freiheit. Nach diesen Ausführungen wird es nicht überraschen, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Freiheit und dem subjektiven Glücksempfinden in einem Land gibt (4), sogar einen stärkeren als, den zwischen der politischen Freiheit oder der persönlicher Freiheit und Glücksempfinden.

Was anfing als quasi-utilitaristische Argumentation endet als Plädoyer für liberale Prinzipen, die auch deontologisch begründet werden. Liberale haben allen Grund auf diese Prinzipien stolz zu sein. Um sie zu vermitteln sollte weniger an den Geldbeutel der Menschen appelliert werden, sondern an die Fähigkeit, Einfluss auf sein eigenes Leben zu haben.

Ich gebe zu das war sehr komprimiert argumentiert, daher empfehle ich zur Vertiefung die Beschäftigung mit meinen Quellen:

[1] R Inglehart, HD Klingemann – Culture and subjective well-being, 2000

[2] R Larson – Psychological Reports, Is feeling“ in control“ related to happiness in daily life?  1989

[3] Martin E.P. Seligman – ‘Helplesness. On Depression, Development and Death’, San Francisco 1975 (dt. ’Erlernte Hilflosigkeit’ ISBN 978-3-407-22016-5)

[4] R Veenhoven – ‘FREEDOM AND HAPPINESS A comparative study in 46 nations in the early 1990’s’, Punkt 4.2

Blogdämmerung – eins

November 3, 2008

Nachdem ich mich nun schon längere Zeit auf diversen Blogs und in Foren meine Meinung mal willkommen, mal eher unwillkommen kundgetan habe, juckt es mich schon eine Weile in den Fingern einen Schritt weiter zu gehen und selbst Themen zu setzten. Diesen Schritt will ich im Rahmen diese Blogs vollziehen. Schwerpunktmäßig werde ich voraussichtlich weniger das Zeitgeschehen kommentieren, als generelle Gedanken zur Freiheit und unserem Verhältnis zu ihr entwickeln. Kritische Kommentare sind ausdrücklich erwünscht, denn ohne Widerspruch stagniert bekanntlich das Denken. Ist es doch mein Kernanliegen, dass diese Seite dem einen oder anderen Leser zur Inspiration dient.